Seelen – Zwischen New Age und Optimismus

von Shinzon

Der Film „Seelen“ beginnt mit dem Planeten Erde, auf es in der Zukunft weder Krieg noch Krankheit oder Armut gibt. Nein, das ist nicht „Star Trek“ und auch nicht das Verdienst der Menschheit. Die Erde wurde von einer fremden Spezies besetzt und das hat seinen Preis. Denn die Menschen bezahlen mit ihrer Freiheit.

Seelen Utopia

Das klingt schon extrem nach dem Blue Beam Project, während die hübsche Fassade der neuen Weltordnung an das Venus Project erinnert. Augenscheinlich wirkt zwar alles friedlich, der Planet ist gerettet und die Menschheit von der Geißel des Geldes befreit. Aber dafür hat eine neue Geißel die Menschheit befallen.

Die Aliens herrschen nämlich nicht einfach über die Menschheit, sondern besetzen unsere Körper. Ein klassischer Fall von Besessenheit, bei dem Waffen wenig nützen. Also eher ein Fall für den Exorzisten? Der Verdacht, dass hier Dämonen am Werke sind, wird zumindest dadurch bestärkt, dass die außerirdischen Wesen die Gestalt von Engeln aus Licht haben. Wissenschaftlich gesehen sind es jedoch Parasiten, was ein wenig an die Goa’uld aus „Stargate“ erinnert. Zumal sich auch in „Seelen“ die Augen der Wirte verändern und zu leuchten beginnen.

Was als typisches „Körperfresser“-Szenario beginnt, entpuppt sich allerdings als durchaus spannende Reise. Nachdem sich Melanie Stryder (Saoirse Ronan) opfert, um ihren kleinen Bruder zu schützen, wird ihr verwundeter Körper mit einer Entität namens „Wanderer“ infiziert. Beide Seelen treten miteinander in Dialog und es gelingt Melanie, Wanderer zu überzeugen, die freien Menschen nicht zu verraten.

Der Parasit bekommt langsam Selbstzweifel und zusammen kehren sie in die Wüste zu den freien Menschen zurück. Bei ihren einstigen Freunden und Verwandten stößt Melanie/Wanderer jedoch nicht unbedingt auf Gegenliebe. Einzig Melanies Onkel Jeb (William Hurt) stellt sich schützend vor sie und rettet ihr so das Leben. Nachdem die anderen ihr zunächst an den Kragen wollen, dämmert den meisten langsam, dass Melanie immer noch in ihrem Körper präsent ist und nicht nur der fremde Parasit.

Wanderer lernt durch das Zusammenleben mit den freien Menschen, dass nicht alle Menschen schlecht sind und außer Gewalttätigkeit noch mehr zu bieten haben. Auf der anderen Seite lernen auch die Menschen, dass nicht alle Invasoren gleich sind und der Menschheit schaden wollen. Die beiden Spezies sind einfach zu verschieden und haben völlig unterschiedliche Moralvorstellungen, was es umso erfreulicher macht, dass am Ende doch ein Dialog zustande kommt.

In diesem Punkt unterscheidet sich „Seelen“ durchaus angenehm von den übrigen Invasionsfilmen, die wir sonst von Hollywood aufgetischt bekommen. In der Regel sind immer alle Außerirdischen böse. Entweder sind sie eindimensional dämonisch (z.B. „Mars Attacks“) oder haben ein Schwarmbewusstsein, welches frei von Mitgefühl ist (z.B. „Independence Day“). Zuweilen gibt es auch gute und böse Aliens, aber immer von verschiedenen Spezies (z.B. „Cowboys & Aliens“).

„Seelen“ bricht all diese Klischees. Wenn Menschen fähig sind, Gutes und Schlechtes zu vollbringen, was sie im Film auch unter Beweis stellen, warum sollte das dann bei den Aliens anders sein? Es ist äußerst erfrischend, es einmal mit Individuen zu tun zu bekommen, die nicht eindimensional denken und handeln, sondern sich weiterentwickeln und bewusste Entscheidungen treffen. Dies ist definitiv die größte Stärke des Films, was ihn auch sehr spannend macht. Hirnloses Rumgeballer hatten wir in letzter Zeit zur Genüge.

Am Ende ist Wanderer (deren Name in der deutschen Übersetzung unsinniger Weise in „Wander“ abgekürzt wird) sogar bereit, sich für die Menschen zu opfern. Sie gewährt jedoch auch der weniger freundlichen Seele der Sucherin (Diane Kruger) Gnade, obwohl diese zuvor noch Jagd auf sie und all ihre Freunde gemacht hat. Hier findet definitiv ein Lernprozess statt. Die Menschen lernen ihrerseits von Wanderer, die Parasiten zu entfernen, ohne sie oder die menschlichen Wirte dabei zu töten.

Es entwickelt sich allmählich eine Vertrauensbasis und die Menschen lassen schlussendlich nicht einmal das Selbstopfer von Wanderer zu, als diese den Körper von Melanie wieder frei gibt und dabei ihren eigenen Tod in Kauf nimmt. Stattdessen verschaffen die Menschen ihrer Seele den Körper einer Verstorbenen. Das hätte man natürlich auch gleich auf diese Weise lösen können, aber dann wäre der Film nach einer Dreiviertelstunde vorbei gewesen.

So lange dauert nämlich die Episode „Seelenwanderung“ aus der ersten Staffel der Neuauflage von „Outer Limits“. In dieser kommen die Natal zur Erde und bitten die Menschheit um die Körper ihrer Verstorbenen. Trotz einiger Ähnlichkeiten (vor allem bei der Übertragung des Parasiten), geht „Seelen“ eigene Wege, was auch gut so ist.

"Outer Limits"

„Outer Limits“

Während die Natal aus „Outer Limits“ von Beginn an eine sehr spirituelle Spezies sind, die nicht invasiv handeln, sondern die Menschheit um Hilfe bitten, haben die Aliens aus „Seelen“ eine weitaus totalitärere Gesellschaftsform. Höflich anfragen liegt ihnen absolut nicht und ihre Elite tritt auf wie eine Psychosekte.

Seelen Aliensekte_1

Die Autorin der Romanvorlage, Stephenie Meyer (bestens bekannt durch die „Twilight“-Saga), ist zwar Mormonin, doch es ist fraglich, ob die Mormonen sich hier in Selbstdarstellung üben oder nicht eher mit dem Konkurrenten Scientology abrechnen. Denn immerhin werden die totalitären Machthaber hier – im Gegensatz zu „After Earth“ – klar als Feindbilder definiert.

Ähnlichkeiten gibt es dagegen zu „Battlestar Galactica“, denn die Invasoren haben neben der Erde 12 weitere Planeten kolonisiert. Da kommen einem gleich die 12 Stämme von Kobol in den Sinn. Diese Parallele liegt dabei wohl nicht nur in der Astrologie begründet (die 12 Sternbilder des Tierkreises). Zumindest auf die Originalserie von „Kampfstern Galactica“ hatten die Mormonen ebenfalls erheblichen Einfluss.

Die totalitäre Gesellschaft der Invasoren dürfte sich indessen bald gravierend ändern, da am Ende des Films noch mehr Aliens zu den Menschen überlaufen und statt der parasitären Invasion entwickelt sich langsam eine Symbiose. Ebenfalls eine erfreuliche Abwechslung zu den üblichen Invasionsfilmen, in denen die Invasoren für gewöhnlich vernichtend geschlagen werden (z.B. „Krieg der Welten“).

Im Vergleich zur „Twilight“-Saga gibt es da schon weniger Abwechslung. Auch in „Seelen“ entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung – Isabelle, Edward und Jacob lassen grüßen. Allerdings stehen die schnulzigen Liebesszenen in „Seelen“ nicht ganz so im Vordergrund, was dem Film sehr gut tut.

Außerdem muss sich hier nicht Melanie zwischen Jared (Max Irons) und Ian (Jake Abel) entscheiden. Sie liebt definitiv nur Jared, während die Wanderin Ian liebt. Die Lösung besteht auch nicht in einer unvermeidlichen Hochzeit zwischen Melanie und Edward … äh … Jared. In „Seelen“ muss niemand leer ausgehen und nachdem die Wanderin Melanies Körper verlassen hat, lebt sie ihre Beziehung zu Ian kurzerhand mit ihrem neuen Wirtskörper aus.

Diese Lösung ist durchaus originell und kommt auch relativ überraschend. Zwar dürfte sich vor allem ein junges, weibliches Publikum von dieser Romanverfilmung angesprochen fühlen, aber dank der ausgereiften Science Fiction-Handlung öffnet sich der Film auch einer breiteren Zuschauerschaft.

Fazit: „Seelen“ haut zwar kräftig in die Alien-Invasionskerbe, ist aber nicht die übliche hirnlose Actionkost und verzichtet auf allzu große Logiklücken. Ebenso wird man im Gegensatz zu „After Earth“ und „Oblivion“ von umgedrehten Pyramiden und Vulkanen verschont, was viel wert ist.

Die Handlung ist spannend umgesetzt und lässt keine Langeweile aufkommen. Sieht man einmal von den üblichen „Körperfresser“-Anspielungen ab, ist der Film durchaus gelungen. Der größte Pluspunkt ist die differenzierte Darstellung individueller Aliens. Dies dürfte der Realität bei weitem am nächsten kommen, denn es gibt wohl kaum eine Spezies in diesem oder einem anderen Universum, die per se böse ist. Es sei denn, es handelt sich wirklich um Borg oder ähnliche Wesen mit einem Kollektivgeist, die keinerlei Individualität kennen.

Leider hält der Soundtrack im Abspann nicht das hohe Niveau des Films. Mal ehrlich: „Welcome to the New Age“? Könnte man noch offensichtlicher für esoterisches New Age-Gedankengut werben? Sehr schade, denn ansonsten hinterlässt der Film einen mehrheitlich positiven Eindruck.

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