The Purge – Die Säuberung vom Guten

von Shinzon

Es ist das Jahr 2022 und wohl kein Zufall, dass „The Purge“ im selben Jahr spielt wie „Soylent Green“. Zwar wird hier kein Menschenfleisch serviert, aber es werden sehr wohl Menschen geschlachtet. Denn in den Iden des März bleiben für 12 Stunden alle Verbrechen straffrei, was ein wenig an die „rote Stunde“ aus der „Star Trek“-Episode „Landru und die Ewigkeit“ erinnert. Ähnlich wie in dieser geht die Kriminalität in „The Purge“ dafür im Rest des Jahres gegen 0. Der alljährliche Freifahrtschein wird daher von der US-Regierung als großer Erfolg gewertet.

Die Machthaber nennen sich selbst „die neuen Gründungsväter“, was darauf anspielt, dass das Versprechen auf dem US-Staatssiegel eingelöst und eine neue Weltordnung angebrochen ist. Diese funktioniert nach dem Orwellschen Neusprechprinzip, gemäß dem Unrecht zu Recht wird. Eine völlige Umkehr aller Werte.

Dabei müssen die Herrschenden die von ihnen verordnete Gesetzlosigkeit natürlich nicht fürchten, da sie sich in ihren Bunkern verkriechen. Wer Geld hat, leistet sich ein sicheres Leben in einer Gated Community. Im Fernsehen läuft kurz vor Beginn des großen Mordens eine passende Talkrunde, in der das eigentliche Ziel der „Säuberung“ auf den Punkt gebracht wird: Die Opfer sind die Armen und Obdachlosen. Das kapitalistische System reinigt sich von den „Unproduktiven“. Die Arbeitslosenquote liegt bei nur 1%, weil man kurzerhand alle Arbeitslosen niedermetzelt.

Das vorgeschobene Ziel, die Verbrechensrate zu senken, widerlegt sich dabei ohnehin selbst. Denn die Kriminalität konzentriert sich schlicht auf 12 Stunden und in dieser Nacht sterben mit Sicherheit mehr Menschen, als dies zuvor über das ganze Jahr verteilt der Fall gewesen wäre. Immerhin können hier nicht nur die Berufsverbrecher abrechnen, es werden auch ganz normale Leute zu Killern, da sie der Verlockung der Straffreiheit erliegen.

Letztendlich wird dadurch alles nur schlimmer und Menschen werden zu Mördern, die in ihrem ganzen Leben niemals einen Mitmenschen getötet hätten. Dabei impft ihnen die Regierung auch noch ein, dass sie ihre Seele vom Hass säubern würden, wenn sie in dieser Nacht mal so richtig die Sau raus lassen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Gewalt verdirbt die Seele und die Absolution von oben stachelt die Menschen förmlich dazu an, sich für den falschen Weg zu entscheiden.

Man wird den Eindruck nicht los, dass hier ein satanisches Opferritual zelebriert wird und der eigentliche Kern des Rituals die Vergiftung der menschlichen Seele ist. Der grusligste Moment ist dabei das Aufheulen der Sirenen, welches den Beginn des Rituals markiert. Allein die Vorstellung, dass von nun an zehntausende Menschen gewaltsam massakriert werden, was im Vorspann ausreichend veranschaulicht wurde, lässt einem kalte Schauer über den Rücken laufen. Es wird einem offenbar, welch unfassbar negative Energien ein solch abscheuliches Ereignis freisetzen muss. Vergleichbar wäre es am ehesten mit der Erschütterung der Macht, die Obi-Wan in „Star Wars“ während der Zerstörung Alderaans durch den Todesstern spürte.

Doch der Film hat auch eine positive Seite. Denn als ein Obdachloser (Edwin Hodge) von einer marodierenden Gang verfolgt wird, öffnet der kleine Charlie (Max Burkholder) die stählernen Schutztüren der Villa seiner Familie. Bevor er seine Tat vor seinen Eltern rechtfertigen kann, kommt jedoch der Freund seiner Schwester Zoey (Adelaide Kane) dazwischen.

Henry (Tony Oller) hat es satt, dass Zoeys Vater (Ethan Hawke) einen Keil zwischen ihre Liebe treibt und will die Nacht der Säuberung dazu nutzen, ihn aus dem Weg zu räumen. Dumm nur, dass Familienoberhaupt James schneller am Abzug ist. Henry beißt ins Gras oder besser gesagt in den Teppich von Zoeys Schlafzimmer. Es scheint fast, als würde der Film von nun an in eine Familientragödie ausarten. Dies ist glücklicherweise nicht der Fall.

Die marodierende Gang steht nämlich unvermittelt vor der Tür und fordert die Herausgabe des Flüchtigen. Es stellt sich heraus, dass die Bande aus wohlhabenden Nachbarn besteht, die die Säuberung zum Vorwand nehmen, ihre Menschenverachtung auszuleben. Das Opfer ist dabei wohl nicht zufällig ein Afroamerikaner. Die gesellschaftliche Elite des Westens ist nämlich nach wie vor stark rassistisch eingestellt und Herrenmenschendenken ist in ihren Logen nach wie vor weit verbreitet.

Darüber hinaus könnte man diese Situation auch dahingehend interpretieren, dass die Reichen in Europa und den USA die dritte Welt und damit insbesondere Afrika ausbeuten. Durch Spekulation auf Nahrungsmittel, Rüstungsexporte in Krisengebiete und Kriege kommen schon heute jedes Jahr Millionen Menschen durch die Hand von Bankern, Börsenmaklern, Konzernvorständen und Generälen um. Dennoch betrachten sie sich als rechtschaffene Leute. Ganz genauso wie die Mörderbande im Film, die es als ihr gottgegebenes Recht betrachtet, ihr Land von „Untermenschen“ zu säubern.

Wenn man es genau betrachtet, fährt der Film hier schwere Geschütze der Gesellschaftskritik auf. Die Familie Sandin, die sich bisher den Luxus leistete, sich jedes Jahr zu dieser Zeit hinter Stahltüren zu verkriechen, bis der Spuk vorüber ist, wird indessen mit den Konsequenzen ihrer bisherigen Ignoranz konfrontiert. Schon Einstein wusste: „Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“

Zunächst denkt James weiterhin egoistisch und will den Flüchtigen ausliefern. Allerdings ohne jede Garantie, dass die Menschenschlächter seine Familie im Gegenzug wirklich in Ruhe lassen. Während sein Sohn von Anfang an Mitgefühl offenbart und den Flüchtigen zeitweilig in seinem Geheimversteck unterbringt, wachen seine Frau Mary (Lena Headey) und er erst langsam auf, als ihnen bewusst wird, wie unmenschlich sie handeln. Im Angesicht des Todes entschließen sie sich, ihre Geisel nicht auszuliefern und ihre Familie auf andere Art und Weise zu schützen.

Als die Übeltäter ins Haus eindringen, fällt ihr schlechtes Karma auf sie zurück. Wem es Spaß macht, unschuldigen Menschen Leid zuzufügen, verdient es nicht anders, als alles dreifach zurück zu bekommen. Als James vom Anführer der Gang niedergestochen wird, stirbt er als anständiger Mensch in der Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Das können die Eindringlinge nicht von sich behaupten, als sie reihenweise das Zeitliche segnen.

Dabei bekommen die Sandins in letzter Sekunde sogar Hilfe von einigen scheinbar anständigen Nachbarn. Es stellt sich jedoch heraus, dass diese – obwohl sie selbst zur Oberschicht gehören – neidisch auf den Lebensstil der Sandins sind und sie lediglich selbst niedermachen wollen. Die geifernde Meute glaubt sich dabei tatsächlich im Recht, als sie sich anschicken, eine Mutter samt ihren zwei Kindern abzumurksen.

An dieser Stelle zahlt es dann endlich aus, dass die Sandins dem Obdachlosen Zuflucht gewährt haben. Denn er ist es, der nun die Familie rettet und die Nacht der langen Messer beendet. Nun könnte Mary sich rächen und ihre Nachbarn, die im nächsten Jahr zweifelsohne wieder einen Anschlag auf ihre Familie starten würden, straffrei abknallen. Doch sie entscheidet sich dagegen, weil sie gelernt hat, dass die Säuberung falsch ist und Gewalt nur neue Gewalt hervorbringt.

Die Anführerin der Mörderbande kassiert aber dennoch kurz vor dem Ende der Ritualnacht einen Nasenbeinbruch, als sie in den letzten Sekunden noch einen Versuch startet, Mary anzugreifen. Erst als die Sirenen wieder ertönen, entspannt sich die Lage und die Polizei rückt an, um die Leichen einzusammeln.

Der Abspann beginnt mit einigen Nachrichtenkommentaren, die den überwältigenden Erfolg des satanischen Opferrituals preisen. Vollmundig wird verkündet, dass die Straßen Amerikas rot gefärbt sind und es noch nie so viele Tote gab. Spätestens hier sollten selbst die Dümmsten kapieren, dass das Kriminalitätsproblem keineswegs gelöst ist. Der letzte Spruch bringt dies schließlich doch noch auf den Punkt, als ein Familienvater zu Protokoll gibt, dass er in der letzten Nacht seine beiden Söhne und damit auch seinen Stolz auf Amerika verloren hat.

Fazit: Wenn der Film eines ist, dann extrem. Dabei ist die Zukunftsvision, die in „The Purge“ dargeboten wird, gar nicht mal so weit hergeholt. Schon heute werden Straftäter vorzeitig aus amerikanischen Gefängnissen entlassen, wenn sie sich beim Militär verpflichten. Im Krieg dürfen sie dann straffrei töten. Das ist nichts anderes!

Auf den ersten Blick ist die Handlung des Films zwar zutiefst satanisch, aber im Kern geht es darum, trotz der umgebenden Barbarei anständig und menschlich zu bleiben. Die Familie Sandin wird mit einer schweren Prüfung konfrontiert und entscheidet sich am Ende für das Gute. Das ist die größte Stärke von „The Purge“.

Die größte Schwäche ist wieder einmal die Symbolik. Das Spielzeug von Charlie sticht dabei besonders hervor. Es handelt sich um eine ferngesteuerte Puppe, die auf einen Panzer moniert ist. Die Puppe hat nur ein rot leuchtendes Auge, während das linke Auge verstümmelt ist. Das erinnert schon stark an das Horuskind und wirkt irgendwie dämonisch.

The Purgepuppet

Ein Kommentar zu “The Purge – Die Säuberung vom Guten

  1. nach dem ansehn dachte ich mir erst „was für ein mistfilm“. im nachhinein weiß ich aber nicht, was mir der film sagen will. ist er eine warnung oder eine verherrlichung von opferungen und genereller abwendung von werten.

    die symbolik ist das eine, zumal der gesamte film einen leichten blaustich hat. das ende spricht jedoch genau gegen das, was man eigentlich von der nwo erwarten würde. soll dieser film gar verwirren?

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