Kein Antichrist ohne falschen Propheten

von Shinzon

Während der Antichrist als weltlicher Herrscher beschrieben wird, dem die Rolle des Regierens zufällt, soll es sich beim falschen Propheten um einen Verkünder der neuen luziferischen Weltreligion handeln. Er soll als religiöser Lehrer die Arbeit des Antichristen unterstützen und dessen Wertesystem in der Bevölkerung verbreiten.

Es gibt zwar durchaus auch die Meinung, dass der Antichrist und der falsche Messias ein und dieselbe Person sind, aber dem widersprechen viele Okkultisten. Zum Beispiel tritt in „Batman – The dark Knight rises“ Bane als falscher Prophet auf, der die Massen aufwiegelt, während im Hintergrund Miranda die politischen Fäden zieht. Weiterhin bilden der Antichrist und der falsche Prophet zusammen mit Satan ein Gegenmodell zur göttlichen Dreieinigkeit, was ebenfalls für ein Duo, bzw. ein Trio spricht.

Dem entgegen steht eine angebliche Äußerung von Jesus, der vor einer Vielzahl falscher Propheten gewarnt haben soll. Wenn man einen falschen Propheten derart interpretiert, dass er Menschen in die Irre führt, könnte Jesus damit sogar richtig gelegen haben. Allerdings musste er für diese Erkenntnis nicht einmal ein Hellseher sein, denn falsche Propheten gab es bereits zu seinen Lebzeiten nicht zu knapp.

In der Regel handelt es sich bei falschen Propheten um schlichte Abzocker, die ihr Geld mit Zaubertricks, Wunderheilungen und falschen Heilsversprechen verdienen. In unserer heutigen Zeit finden sich solche Scharlatane nahezu auf jedem Kontinent und nicht nur, wie man vielleicht annehmen könnte, in vorindustriellen Gesellschaften. In Indien sind derartige Betrüger besonders weit verbreitet und genießen zuweilen den Status eines Gurus.

Gurus sind die nächste Kategorie von falschen Propheten. Im Gegensatz zu einzelgängerischen Trickbetrügern handelt es sich bei einem Guru jedoch um den Anführer eines Kultes oder einer Sekte. Die Vielfalt solche Gruppierungen ist immens und reicht von christlichen Splittergruppen über esoterische Gesellschaften bis hin zu UFO-Sekten.

Falsche Propheten gibt es also wie Sand am Meer. Dennoch genießt der Begleiter des Antichristen einen Sonderstatus. Er soll nicht als Guru einer kleinen Freakshow daher kommen, sondern wie bereits erwähnt als Verkünder einer neuen Weltreligion. Einige Sekten wie $cientology streben zwar nach Weltherrschaft, doch ein toter L. Ron Hubbard taugt nicht unbedingt für die Rolle des falschen Propheten. Er ist und bleibt nur ein Guru.

Wer könnte also als falscher Prophet infrage kommen? Im Internet kursiert schon seit geraumer Zeit ein Name, den der schottische Theosoph Benjamin Creme 1974 erstmalig in Umlauf gebracht hat. Gemeint ist der Maitreya, welcher bereits unter uns weilen und sich Creme zufolge in London aufhalten soll.

Nun ist Maitreya keineswegs eine Erfindung der Neuzeit, sondern im Buddhismus schon seit über 2.500 Jahren bekannt. Es handelt sich um einen so genannten Weltlehrer, der vom ersten Buddha Siddhartha Gaumata als zukünftiger Buddha angekündigt wurde. Der Maitreya ist in seiner ursprünglichen Bedeutung also keineswegs ein falscher Prophet, sondern das buddhistische Äquivalent des wiedergekehrten Jesus Christus oder des islamischen Mahdi.

Maitreya

Die negative Konnotation erhielt der Weltenlehrer Maitreya erst durch die Theosophische Gesellschaft, deren Gründerin Helena Blavatsky zahlreiche Elemente aus dem Buddhismus und Hinduismus in ihre Irrlehren integrierte. Benjamin Creme ist also keineswegs der erste Esoterikspinner, der den Maitreya für sich entdeckt hat. Er steht in einer Traditionslinie mit Helena Petrovna Blavatsky und Alice Ann Bailey.

Wie alle Theosophen berücksichtigt Creme allerdings nicht die ursprünglichen buddhistischen Lehren, sondern legt alles nach seinen Interessen aus. Beispielsweise ignoriert er, dass verschiedenen buddhistischen Quellen zufolge Maitreyas Ankunft für 3.000, 5.000 oder gar 30.000 Jahre nach dem ersten Buddha erwartet wird. Selbst die geringste aller Schätzungen liegt also noch rund 500 Jahre in der Zukunft, womit Benjamin Creme bereits ad absurdum geführt ist. Im Suttapitaka des Palikanons ist sogar die Rede davon, dass „Metteyya“ erst erscheinen werde, wenn die Menschen 80.000 Jahre alt werden.

Wie man es dreht und wendet, der echte Maitreya weilt dem buddhistischen Glauben nach noch längst nicht unter uns. Egal wen Benjamin Creme eventuell noch aus dem Hut zaubern wird, es kann sich nur um einen falschen Maitreya handeln. Im Sinne der Theosophie ist Maitreya also durchaus ein falscher Prophet, wobei die dreiste Aneignung dieses Titels jedoch genauso irreführend ist wie der „Kosmische Christus“ in der Channel-Szene.

Ob der 1922 geborene Benjamin Creme die Ankunft seines Weltenlehrers noch erleben wird, ist derweil fraglich. Immerhin ist er schon über 90 Jahre alt und es sieht nicht gerade so aus, als ob er die 80.000 noch schafft. Zudem hält sich Maitreya nicht an Cremes Ankündigungen und erschien z.B. nicht am 21. Juni 1982 im Fernsehen. Es bleibt daher wohl kommenden Generationen von Theosophen überlassen, der Menschheit einen falschen Messias vorzustellen.

Es sei denn, Raj Patel wäre der Maitreya-Darsteller, den die Theosophische Gesellschaft aufgebaut hat. Dies deuten zumindest zahlreiche Maitreya-Fans sowie -Gegner an, was zu einem regelrechten Hype um Patel geführt hat. Der britische Ökonom und Autor hatte jedoch schlichtweg das Pech, in zeitlicher Nähe zu einer Ankündigung Cremes im Fernsehen aufzutreten und dabei über genau die Themen zu reden, die der Theosophenguru dem falschen Maitreya zuschreibt.

Schaut man sich diese Themen einmal genauer an, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass alles nur Zufall ist. So debattiert Raj Patel über die Lösung des Welthungerproblems und greift den Kapitalismus scharf an. Damit ist er allerdings keineswegs allein. Jean Ziegler und viele andere haben schon längst dieselben Schlüsse gezogen und keiner wurde bisher als Maitreya bezeichnet. Hinzu kommt, dass Patel sich bereits öffentlich von den unsinnigen Behauptungen über seine Person distanziert hat. Damit ist er aus dem Rennen, was inzwischen sogar Creme zu akzeptieren scheint.

Abgesehen von den völlig absurden Hinweisen auf Raj Patel gibt es lediglich noch ein Video von einem Jesusverschnitt, der 1988 in Nairobi (Kenia) aus dem Nichts erschienen sein und Wunder gewirkt haben soll. Zu sehen ist allerdings nur ein Typ mit Turban, der auf einer offenbar gut vorbereiteten Veranstaltung spricht. Handfeste Beweise für seine Wunder gibt es keine und man kann davon ausgehen, dass es sich nur um eine Inszenierung handelt. Wohl bemerkt die Inszenierung einer unseriösen Frau namens Marie Akaza, die den Typ im Bettlaken als Jesus ausgegeben hat.

Cremes Maitreya

Schlussendlich bleibt nicht viel vom falschen Maitreya übrig. Was Benjamin Creme und seine Anhänger betreiben, ist nichts anderes als Mythenbildung. Ihre Motive für dieses Theater dürften, neben der Verbreitung der theosophischen Esoteriklehre, vor allem finanzieller Natur sein. Ob uns irgendwann noch ein greifbarer falscher Prophet vorgesetzt wird, bleibt dabei fraglich. Um sich in diesem Punkt abzusichern, behauptet Creme, dass der Maitreya sich selbst nicht so nennen wird. Es könnte also jedermann und niemand sein.

Weiterhin wird das Erscheinen des falschen Maitreya – ähnlich wie der Weltuntergang oder die Ankunft etwaiger Sternengeschwister – immer wieder nach hinten verschoben, wenn mal wieder nix passiert ist. Als Ausflüchte dienen dabei stets irgendwelche nicht näher definierten „bösen Mächte“. Auf der anderen Seite werden Ereignisse wie das Ende des Kalten Krieges zu Wundern des Maitreya umgedeutet, wobei natürlich die wahren Hintergründe, wie z.B. politische Akteure und deren Intrigen, völlig außer Acht gelassen werden.

Am besten ist, man hört solchen Sektierern wie Benjamin Creme gar nicht zu, denn ohne Publikum sind sie nichts. Man sollte zudem nicht allzu viel auf irgendwelche Internetvideos geben, in denen unbeteiligte Personen mit Esoterikspinnern in Verbindung gebracht werden. Durch solche Diffamierungen geraten gerade jene in Verruf, die wie Raj Patel das kapitalistische System hinterfragen und tatsächlich Lösungswege anbieten.

Betrachten wir einmal, wie viele Menschen bereits ernsthaft an der Lösung unserer aktuellen Probleme arbeiten, so kommen wir unweigerlich zu dem Schluss, dass wir gar keinen „Weltlehrer“ brauchen. Wir kennen bereits die Antworten, die wir benötigen. Jetzt müssen wir nur noch dementsprechend handeln und das wird uns kein Messias abnehmen. Im Gegenteil versuchen all die Gurus, Esoteriker und Quacksalber, uns genau davon abzuhalten und in die Passivität zurückzudrängen. Dem müssen wir uns entschieden entgegen stellen!

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