Robocop – Totalitäre Technologie

von Shinzon

Paul Verhoevens erster „Robocop“-Film von 1987 genießt bereits Kultstatus. Nach einem eher schwachen zweiten Teil von 1990 folgte 1993 ein genialer dritter Teil, allerdings mit Robert John Burke statt Peter Weller in der Hauptrolle. Für die „Robocop“-Serie, welche von 1994-95 produziert wurde, schlüpfte dann noch einmal Richard Eden in Rolle des Alex Murphy. Für das neuste Remake ließ sich nun Joel Kinnaman in den Blechanzug stecken und versucht, das Original in jeder Hinsicht zu toppen.

Ob dies gelingt? Zumindest der Einstieg ist zunächst etwas holprig und zeigt den TV-Moderator Pat Novak (Samuel L. Jackson) beim Stimmtraining. Und da dachte man schon, der MGM-Löwe hätte Asthma. Doch kaum macht man sich Gedanken, ob sich der Kauf des Kinotickets gelohnt hat, geht der Film in die Vollen.

Novak ist ein knallharter Lobbyist für den Rüstungskonzern OmniCorp, dessen Kriegsroboter weltweit zur Unterdrückung fremder Völker eingesetzt werden. Von freier Presse und neutraler Berichterstattung kann dabei kaum noch die Rede sein. Als plötzlich einige Aufständische die Kampfroboter angreifen, erschießen diese nicht nur die Selbstmordattentäter, sondern auch einen minderjährigen Jungen mit einem Messer, den jeder Soldat leicht hätte überwältigen können.

Angesichts dieser ungerechtfertigten Gewaltorgie wird kurzerhand die Verbindung zum Livestream nach Teheran gekappt, um die Zuschauer nicht zu beunruhigen. Diese sollen nämlich dem Einsatz von Kampfrobotern auch innerhalb der USA zustimmen, was bisher vom Dreyfus-Act verhindert wird. Die Zustimmung ist jedoch auf einem Tiefpunkt, denn während die Amerikaner fernes Leid kaum interessiert, misstraut die Mehrheit den Maschinen, wenn es um ihre eigenen Straßen geht.

Der Einstieg vor dem Vorspann enthält also schon eine Menge Informationen, inklusive einer weiteren Kriegsdrohung in Richtung Iran. Pat Novak stellt zudem mit seiner überzogenen Propagandashow sogar noch Commander Cash aus der „Robocop“-Serie in den Schatten. Sein in Freimaurerfarben gehaltenes Logo enthält überdies eine umgedrehte rote Pyramide, was ihn als Agenten des Bösen entlarvt.

Pat Novak

Pat Novak Logo

Das OmniCorp-Logo hat indes, wie schon in der Originaltrilogie, die Form eines Oktagons. Wer nun mit der Stirn runzelt, weil aus dem OCP ein OC geworden ist, der wird im späteren Verlauf des Films noch darüber aufgeklärt, dass OmniCorp nur eine Tochterfirma von Omni Consumer Products ist, welche die Rüstungssparte bedient.

Omnilogo

Um sein Image aufzupolieren und die Stimmung der Bevölkerung zugunsten der Kampfmaschinen zu beeinflussen, will der Rüstungskonzern zunächst einen Cyborg-Polizisten als Bindeglied zwischen Mensch und Maschine etablieren. Die im Einsatz verstümmelten Kandidaten sind jedoch allesamt ungeeignet, bis Alex Murphy durch eine Bombe des Waffenschiebers Vallon (Patrick Garrow) lebensgefährlich verwundet wird.

Mit Hilfe von Dr. Norton (Gary Oldman) gelingt es OmniCorp, Alex Murphys Frau Clara (Abbie Cornish) zu überzeugen, die lebenserhaltenden Maßnahmen nicht einzustellen und den Todgeweihten mit Cyborg-Implantaten das Leben zu retten. Nachdem Alex in seiner neuen Hülle erwacht ist und sieht, was noch von ihm übrig ist, wünscht er sich jedoch, dass seine Frau ihn sterben lassen hätte.

Es ist in der Tat schaurig anzusehen, dass er nur noch aus einem Kopf mit einer offener Schädeldecke, einer Hand und einem Formaldehydtank mit Herz und Lungen besteht. Es wird aber noch eine Spur grusliger, als er am offenen Schädel operiert wird. Seine menschlichen Emotionen machen Murphy nämlich um einiges ineffizienter als vergleichbare Killerbots. So entscheidet die OmniCorp, dass ihm ein Chip ins Hirn gepflanzt werden soll, welcher im Einsatz das Denken übernimmt. Damit bleibt von Alex Murphy nicht viel mehr als ein Computer, der denkt er sei ein Mensch.

Man sollte an dieser Stelle bedenken, dass Dr. Norton ursprünglich aus moralischen Bedenken dagegen war, einen derartigen Cyborg zu erschaffen, und erst vom Firmenchef dazu überredet wurde. Wie sich nun zeigt, hatte er mit seinen ethischen Skrupeln durchaus Recht. Allerdings hätte er dabei bleiben sollen.

Robobrain

Das Remake geht in diesem Punkt zudem um einiges weiter als das Original. Nicht nur, was die Cyborg- und Mind Control-Agenda angeht, sondern auch in Sachen Darstellung. Angesichts der drastischen Bilder fragt man sich, wie der Film eine Freigabe von FSK 12 erlangen konnte? Der Anblick von Murphys Hirn-OP ist jedenfalls nichts für sensible Mägen.

Die Hirnwäsche an Alex Murphy findet des Weiteren in der rechtlichen Grauzone China statt, wo OmniCorp auch billig in Massenfertigung produzieren lässt. Im Gegensatz zum Originalfilm ist die USA nämlich noch kein vollkommener Polizeistaat in den Händen der OCP, sondern befindet sich gerade an der Schwelle der Machtübernahme.

Robocop erweist sich dabei zunächst als sehr nützlich und steigert die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber Maschinen erheblich, indem er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt einen seit Jahren gesuchten Mörder fasst. Dies gelingt jedoch nur, da man ihm nach einem Besuch bei seiner Familie den Hormonpegel auf 0 gesenkt hat. Als er seine Familie bei seinem Auftritt wieder sieht, ignoriert er sie, weil seine Persönlichkeit vollkommen unterdrückt wird. Er scheint nun endgültig zur willenlosen Maschine degradiert worden zu sein.

Roboblick

Im Vergleich zum Original geht das Remake auch an dieser Stelle neue Wege. Zum einen steht der Mind Control-Aspekt weitaus deutlicher im Vordergrund. Zum anderen weiß jedoch jeder, wer Robocop ist. Im Original ahnen nicht einmal seine Witwe und sein Sohn, wer sich in der Blechbüchse verbirgt. Das Remake ist also in jeder Hinsicht offener.

Während nun der Dreyfus-Act zu kippen droht, gelingt es Alex Murphy, die Kontrolle über sein Gehirn zurück zu gewinnen. Er macht sich auf die Suche nach dem Waffenschieber Vallon und den korrupten Polizisten, die hinter dem Anschlag auf sein Leben stecken. Nachdem er die Bande ausgeräuchert und einen korrupten Officer angeschossen hat, führt ihn die Spur zur Leiterin des Police Departments. Der Fisch stinkt also wie immer vom Kopf.

Bevor Alex seine Chefin verhaften kann, wird er allerdings abgeschaltet. Es ist ziemlich ärgerlich, wenn man nur eine Marionette ist und einem im entscheidenden Moment die Fäden durchtrennt werden. Denn hätte Murphy an der Stelle weiter gemacht, hätte er erfahren, dass der OmniCorp-Vorsitzende Raymond Sellars (Michael Keaton) ebenfalls in die Korruptionsaffäre verwickelt ist. Um seine Lösung der Sicherheitsfrage anbieten zu können, musste er nämlich erst einmal ein kriminelles Problem schaffen.

Er lässt also Robocop abschalten, wobei er die korrupten Cops obendrein noch für sich ausschlachtet, denn seine Roboter sind über jede Bestechlichkeit erhaben. Wie es scheint, hat Sellar auf ganzer Linie gesiegt. Robocop erklärt er indes zum Märtyrer und will seine Witwe mit einer Entschädigung abspeisen.

Dumm nur, dass Murphy noch nicht tot ist und unerwartete Hilfe von Dr. Norton erhält. Dieser aktiviert ihn und entfernt überdies seinen Ausschalter, bevor Sellars Söldner ihn ausrangieren können. Zuhöchst unerfreut über den Verrat seitens OmniCorp macht sich Robocop auf zur Firmenzentrale, wo er zunächst gegen einige fiese Kampfroboter antreten muss. Diese halten sich vom Design her stark an das Original, wirken aber noch bedrohlicher.

Kampfroboter im Einsatz

Nach einem weiteren Kampf mit dem Söldner Mattox (Jackie Earle Haley) kommt Murphy schwer angeschlagen auf dem Dach des Firmengebäudes an, wo Sellar Clara bedroht. Offenbar war der Konzernchef schlau genug, Robocop eine Sperre einzubauen, die ihn abschaltet, falls er versucht, sich gegen seinen Schöpfer zu wenden. Unter Schmerzen gelingt es dem Cyborg jedoch, Sellar zur Strecke zu bringen.

In der Folge dieses Ermittlungserfolgs wird der Dreyfus-Act wieder in Kraft gesetzt und Dr. Norton wendet sich als Whistleblower an die Öffentlichkeit. Robocop erhält indes seine helle Rüstung zurück, die er zu Propagandazwecken vorübergehend durch eine schwarze Hülle tauschen musste. Ende gut, alles gut? Nicht, wenn es nach Pat Novak geht.

Fazit: „Robocop“ ist alles in allem ein würdiges Remake des Originals. Die gelungenen Spezialeffekte toppen das Original ebenso wie die beißende Zurschaustellung kapitalistischer Unterdrückung und Propaganda. Alle wichtigen Charaktere sind wieder mit dabei, wobei man sich nicht daran stören sollte, dass aus Officer Anne Lewis (Nancy Allen) im Remake Officer Jack Lewis (Michael K. Williams) wird. Die enge Freundschaft zwischen ihm und Robocop bleibt genauso erhalten wie der eingängige Soundtrack im Vorspann.

Etwas drastischer als im Original kommt die Selbsterfahrung von Alex Murphy daher, der damit umgehen muss, dass er von nun an eine Maschine ist. Die Cyborg-Agenda wird hierbei durch den Gedankenkontroll-Aspekt erweitert, was die Frage aufwirft, wie frei ein Mensch noch sein kann, wenn man ihm einen Chip ins Hirn pflanzt? Die Implantierung von RFID-Chips, welche momentan noch (!) freiwillig ist, dürfte durch diesen Film wieder in die Kritik geraten.

Auf der anderen Seite begibt sich der Film aber auf eine Gratwanderung, indem er auch die positiven Aspekte der Cyborg-Technologie behandelt. In der Medizin können nämlich abgetrennte Gliedmaßen durch immer bessere Prothesen ersetzt werden, die den Patienten wieder ein normales Leben ermöglichen. Die Kernfrage des Films lautet: Wie weit darf man mit solchen Technologien gehen, bevor die Menschen durch sie zu Sklaven werden?

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