Divergent – Unbestimmt in die neue Weltordnung

von Shinzon

Mit „Die Bestimmung – Divergent“ kommt eine weitere Jugendbuchverfilmung in die Kinos. Gegenüber dem gängigen Genremüll wie „Die Tribute von Panem“ weiß die filmische Umsetzung von Veronica Roths Roman zwar durchaus zu überzeugen, ganz ohne Symbolik kommt sie aber dennoch nicht aus.

Die Handlung beginnt nach dem 3. Weltkrieg und spielt in Chicago. Man merkt der Stadt die Kriegsschäden noch an, doch der Wiederaufbau hat bereits begonnen. So entsteht eine interessante, halb postapokalyptische, halb futuristische Kulisse, von der ein gewisser Reiz ausgeht. Die Stadt wird von gigantischen Windturbinen mit Strom versorgt und ist von einem hohen Zaun umgeben, der potentielle Gefahren abhalten soll. Wie es im Rest der Welt aussieht, ist nämlich unbekannt.

Kriegsschäden

Die Gesellschaft ist streng in fünf Kasten eingeteilt, von denen die Ferox (die Furchtlosen) für die Verteidigung verantwortlich sind. Die Amite (die Freundlichen und Friedfertigen) sind die Bauern, die Ken (die Gelehrten) sind Wissenschaftler und Ingenieure, die Candor (die Freimütigen) sind für die Justiz zuständig und die Altruan (die Selbstlosen) kümmern sich um die Armen. Durch ihre uneigennützige Natur wurde den Altruan darüber hinaus auch die Politik anvertraut, da sie vom Charakter her nicht korrumpierbar sind.

Dennoch ist das System keineswegs ideal. Die Kinder wachsen in die Kasten ihrer Eltern hinein und können sich nur einmal im Leben für eine andere Kaste entscheiden. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit werden alle einem Charaktertest unterzogen, der ihnen helfen soll, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie sind zwar frei, sich entgegen der Empfehlung zu entscheiden, werden sie jedoch in ihrer neuen Bestimmung nicht glücklich oder versagen, enden sie als Kastenlose. Kastenlose sind wiederum gleich Obdachlose und als Bettler sind diese auf die Almosen der Altruan angewiesen.

Mit anderen Worten grenzt die Gesellschaft alle aus, die nicht ins Raster passen. Für Kreative und Kunstschaffende ist schon gar kein Platz, da es keine Kaste für Künstler gibt. Lediglich in der Freizeit können sich Bewohner der Stadt kreativ betätigen, z.B. als Tätowierer für die Ferox. Während der Arbeitszeit haben sie jedoch keinerlei Freiheiten.

Dies muss auch Beatrice Prior (Shailene Woodley) lernen, als sie sich bei der Einteilungszeremonie entgegen dem Wunsch ihrer Eltern für die Ferox entscheidet. Nach außen erscheinen die Furchtlosen wagemutig und frei, aber ihre Ausbildung besteht aus hartem Drill. Wer es nicht unter die Besten schafft, endet als Obdachloser und die Trainer haben keine Skrupel, die Rekruten gegeneinander auszuspielen. Wie das aktuelle US-Militär werben auch die Ferox mit Coolness, während das eigentliche Ziel die Entmenschlichung der Neuankömmlinge ist.

Beatrice, die sich fortan Tris nennt, besteht zwar die erste Mutprobe, indem sie als Erste von einem Hausdach springt, doch als Rekrutin sieht sie sich großen Herausforderungen ausgesetzt. Zudem ist sie entsetzt von den hygienischen Zuständen bei den Ferox und wagt es, einen Ausbilder unaufgefordert anzusprechen. Zum Glück für sie ist Tobias alias Four (Theo James) nicht nachtragend und fördert sie sogar. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft und später sogar ein romantisches Verhältnis.

Besonders nützlich erweist sich Fours Hilfe bei den Vorbereitungen auf den großen, abschließenden Angsttest. Tris kann die mittels Drogen und Computer direkt ins Gehirn projizierten Prüfungen nämlich austricksen, indem sie sich bewusst macht, dass sie nicht real sind. Diese Fähigkeit würde sie jedoch als Unbestimmte entlarven.

Bereits beim Charaktertest vor ihrer Kastenzuteilung stellte sich heraus, dass sie die charakterlichen Eigenschaften mehrerer Kasten besitzt und somit nicht eindeutig in ausschließlich eine Kaste passt. Die Spiegelsymbolik geht dabei allerdings mehr in die Richtung multiple Persönlichkeitsspaltung, was angesichts der folgenden Angsttraumata durchaus Sinn zu machen scheint.

Multiple Spiegel

Angsttrauma

Damals blieb die geistig nicht so eindeutig strukturierte Tris nur dank der Hilfe ihrer Testerin Tori (Maggie Q) unbemerkt, die das Ergebnis für sie gefälscht hat. Wie sich nun in Anbetracht der bevorstehenden öffentlichen Angstprüfung zeigt, hätte Tris vielleicht auf deren Rat hören sollen, sich für die Kaste ihrer Eltern, die Altruan, zu entscheiden.

Doch für eine Umentscheidung ist es inzwischen zu spät. Beatrice bleibt nur noch die Wahl, aufzugeben und sich in die Obdachlosigkeit zu verabschieden oder das Risiko einzugehen, als Unbestimmte entlarvt zu werden. Letzteres wäre besonders gefährlich, da die Gesellschaft keine Freigeister duldet. Hier wird letztendlich der totalitäre Charakter des Systems offensichtlich, welches Unbestimmte als Gefährdung der öffentlichen Ordnung einstuft, da diese sich nicht kontrollieren lassen. Die Unbestimmten stehen damit symbolisch für Menschen, die gegen gesellschaftlich etablierte Normen rebellieren.

Tris gelingt es mit etwas Übung, ihre Ängste auf gewöhnlichem Wege zu besiegen und auch im Kampftraining schafft sie es auf einen sicheren Platz. Dank Four, dessen Spitzname sich von seinen eigenen vier Ängsten ableitet, besteht sie den abschließenden Angsttest und schafft es, die führende Ken-Vertreterin Jeanine Matthews (Kate Winslet) zu täuschen.

Letztere ist nicht nur eine knallharte Jägerin von Unbestimmten, sondern plant zudem einen Putsch gegen die Altruan. Die Kaste der Ken besteht nämlich aus der geistigen Elite, welche glaubt, ein Anrecht auf die Regierung zu haben. Im Gegensatz zu den Altruan denken sie jedoch nicht vorrangig an andere, sondern in erster Linie an sich selbst, was genau der Grund ist, warum ihnen die Herrschaft nicht anvertraut wurde.

Zunächst versuchen die Ken, die Altruan mit Propagandamitteln in Verruf zu bringen, wobei es ihnen immer gelegen kommt, wenn die Kinder von Altruan-Führern sich für eine andere Kaste als die ihrer Eltern entscheiden. Die Entscheidung von Tris und Four, von den Altruan zu den Ferox zu wechseln, erscheint dadurch in einem neuen Licht, zumal Four obendrein als Kind von seinem angeblich altruistischen Vater misshandelt wurde. Noch bedeutender ist jedoch der Übertritt von Tris’ Bruder Caleb (Ansel Elgort) zu den Ken, womit dieser zum Mitverschwörer wird.

Und da sind wir beim eigentlichen Kern der Handlung. Die neue Weltordnung ist nämlich noch nicht am Gipfel des Totalitarismus angekommen. Immerhin sind die Ferox keine willenlosen Schlägertruppen und die Regierungsgewalt liegt sogar grundsätzlich bei Altruisten. Es bedarf erst noch der Verschwörung einer geistigen Elite, deren Kastensymbol wohl kaum zufällig ein allsehendes Auge ist.

Ken Eye

Die Ken sind die Illuminaten im Chicago der Zukunft und ihr Plan weist nur allzu bekannte Muster auf. Nachdem die Propagandakampagne gegen die Altruan bereits für eine gewisse Grundstimmung in der Bevölkerung gesorgt hat, sind die Ferox das nächste Ziel. Mit Ausnahme einiger Ferox-Anführer, die sich an der Verschwörung beteiligen, werden allen anderen Verteidigern RFID-Chips geimpft. Mit diesen Chips können ihnen von einem Zentralrechner aus Befehle direkt ins Hirn übermittelt werden. Durch diese Art des Mind Control werden sie zu willenlosen Werkzeugen ohne eigenständiges Denken.

Impfung

Ferox Putsch

Im nächsten Schritt werden die Ferox gegen die Altruan eingesetzt. Der Befehl ist klar: Alle verhaften und auf Flüchtige schießen. Einzig Tris und Four verweigern den Gehorsam, da die Fernsteuerung bei Unbestimmten nicht funktioniert. Dies unterstreicht einmal mehr ihre Fähigkeit zum eigenständigen Denken. Allerdings werden sie dadurch selbst zur Zielscheibe.

Tris gelingt die Flucht nur, weil ihre Mutter (Ashley Judd) sich für sie opfert. Zusammen mit ihrem Vater, ihrem übergelaufenen Bruder und einigen anderen flüchtigen Altruan stürmt sie das Hauptquartier der Ken. Dort muss sie sich jedoch nicht nur ihrem Erzfeinden Eric (Jai Coutney) und Jeanine stellen, sondern auch Four, bei dem man nach seiner Gefangennahme sämtliche Register der Hirnwäsche gezogen hat.

Letztendlich kann Four jedoch seinen Geist befreien und zusammen mit den anderen können die Ken überwältigt werden. Tris lässt Jeanine dabei ihre eigene Gedankenkontrolltechnologie kosten und gibt ihr den Befehl, den Zentralcomputer zu zerstören. Damit erhalten die Ferox ihren freien Willen zurück und der Putsch scheitert.

Zu diesem Zeitpunkt hat die Verschwörung jedoch schon einige Opfer gekostet. Viele Altruan wurden beim Versuch zu fliehen exekutiert und auch Tris’ Vater (Tony Goldwyn) musste beim Kampf um die Zentrale der Ken sein Leben lassen. Als wäre es noch nicht schlimm genug, dass Tris und Caleb nun Vollwaisen sind, müssen die beiden zusammen mit Four und dessen Vater aus der Stadt fliehen. Ihre Zukunft bleibt ungewiss, zumindest bis die Romanfortsetzung in die Kinos kommt.

Fazit: „Die Bestimmung – Divergent“ zieht so ziemlich alle Register, was die neue Weltordnung angeht. Mind Control und RFID-Agenda werden von einer geistigen Elite umgesetzt, die mit Verschwörung, Propaganda und Putsch arbeitet. Immerhin scheitern die Ken am Ende, womit der Film nicht gänzlich hoffnungslos bleibt.

Zudem ist die Umsetzung sehr spannend und atmosphärisch gehalten, wodurch „Die Bestimmung“ im Vergleich mit der sonstigen Flut an Jugendbuchverfilmungen durchaus positiv abschneidet. Wenn man an die übertriebenen Outfits, den offenen Faschismus und die sinnlose Gewalt in „Die Tribute von Panem“ denkt, ist „Die Bestimmung“ sogar überdurchschnittlich gut.

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