Die Kabbala und der Weltenbaum – Jüdische versus okkulte Mystik

von Shinzon

Die Kabbala (auch Kabbalah) ist ursprünglich eine mystische Tradition des Judentums, welche ihre Wurzeln im Tanach hat. Das Wort bedeutet übersetzt so viel wie „Überlieferung“, was zunächst sehr allgemein zu verstehen war. Im 12. Jahrhundert kristallisierte sich schließlich eine religiöse Bedeutung heraus, der zufolge die Kabbala dem Streben nach einer unmittelbaren Beziehung zu Gott dient.

Das erste Buch, welches einen modernen kabbalistischen Text enthält, ist das 1180 fertig gestellte „Sefer ha-Bahir“. Es stellte lange Zeit die Hauptgrundlage der kabbalistischen Geheimlehre dar. Ende des 13. Jahrhunderts folgte dann der Zohar aus der Feder von Mosche de Leon (†1305), welcher kanonische Geltung erlangte und andere kabbalistische Schriften in den Hintergrund verdrängte. Der Zohar enthält, neben Auslegungen der Tora, vor allem Spekulationen über Zahlen und Buchstaben als Fundamente der Welt.

Im Mittelalter bildeten sich darüber hinaus einige kabbalistische Zentren, darunter der Chassidismus im Rheinland und die prophetische Kabbala in Spanien. Im 14. Jahrhundert verbreitete sich die Kabbala von Nordspanien aus über ganz Europa. Im 15. Jahrhundert spaltete sich schließlich sogar eine christliche Kabbala ab, deren wichtigster Vertreter Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) war.

Die christliche Kabbala wurde mitunter genutzt, um Juden zum Christentum zu konvertieren. Auf der anderen Seite wurde die Kabbala als göttliche Wahrheit verstanden, wodurch einige jüdische Bücher vor der Verbrennung gerettet werden konnten, da ihnen kabbalistische Inhalte zugesprochen wurden. Nichtsdestotrotz waren die christlichen Kabbalisten verständlicherweise eher an einer christlichen Auslegung sowie der Suche nach griechischer Philosophie interessiert.

Symbolisiert wird die Kabbala durch den Weltenbaum (hebr. Sephiroth), welcher die zehn göttlichen Emanationen umfasst. Diese werden als Sphären dargestellt, wobei das aus dem griechischen stammende Wort „Sphäre“ laut kabbalistischer Deutung von dem hebräischen „Sephira“ abstammen soll. „Sephira“ bedeutet wiederum „Ziffer“, womit im Sephiroth bereits die kabbalistische Zahlenmystik angedeutet wird.

Kabbala

Der Welten- oder Lebensbaum spiegelt die göttliche Schöpfung wider, wobei die Sephiroth Gegensatzpaare bilden, die in der mittleren Achse einen Ausgleich erfahren. Laut Auslegung des Rabbiners und Kabbalisten Isaak Luria (1534-1572) bilden die Sephiroth in ihrer Gesamtheit zudem den „himmlischen Menschen“ ab.

Interessanterweise gibt es auch in der nordischen Mythologie einen Weltenbaum, der ganz ähnlich aussieht, allerdings nur 9 statt 10 Sphären enthält. Die 9 Sphären des nordischen Weltenbaums Yggdrasil stehen für die jeweils 3 Welten von Asgard, Midgard und Utgard. Wie bei den jüdischen Sephiroth stellt auch der nordische Welten- oder Lebensbaum eine göttliche Ordnung dar.

Weltenbaum

Bei den Wurzeln des nordischen Weltbaums findet sich indes die Schlange Nidhöggr, welche der Mythologie zufolge die Toten peinigt. Dies deckt sich mit anderen europäischen Legenden von Drachen, die in Höhlen hausen. Nach prä-astronautischer Lesart könnten diese Legenden eine Anspielung auf im Untergrund lebende Reptiloide sein. Die Unterwelt wäre demnach im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle unter Erden.

Doch zurück zum Weltenbaum bzw. Baum des Lebens. Dieser findet sich nicht nur in der jüdischen Kabbala sowie der nordischen Mythologie. Es gibt ihn auch bei den antiken Sumerern, Babyloniern, Griechen (Baum der Hesperiden), Persern (Simurgh-Baum) und sogar bei den Maya (Wacah Chan und Yax Cheel Cab). Bis heute wird der Baum des Lebens zudem in Indien (Asvattha-Baum) und im Islam (Tūbā) verehrt. Es handelt sich also um eine weltweit verbreitete Symbolik, welche auf eine untergegangene globale Hochzivilisation zurückzuführen sein könnte.

Das alles ist zwar hochinteressant, hat jedoch bis hier hin wenig mit dem Okkultismus zu tun. Nun findet man die Kabbala sowie den Weltenbaum aber häufig in der modernen Pop-Okkultur wieder. Unter anderem zeigt eine Karte des Tarot die Sephiroth, was häufig zu Missverständnissen führt. Schnell werden dabei vor allem den Juden finstere Absichten unterstellt, obwohl diese gar nichts mit der okkulten Auslegung der Kabbala zu tun haben.

Man darf nicht vergessen, dass Juden und Christen in der Kabbala ein Werkzeug sehen, mit dem sie eine Beziehung zu Gott aufbauen. Die esoterisch-okkulte Kabbala stellt die absolute Antithese dazu dar. Im Gegensatz zur jüdischen und christlichen Kabbala vertritt die hermetische Qabalah einen universellen Ansatz. Mit anderen Worten klammert sie Gott aus und legt ihren Schwerpunkt auf Magie. Dabei bedienen sich hermetische Kabbalisten esoterischer Hilfsmittel wie Tarot-Karten, Astrologie und Numerologie.

Die Sephiroth zwischen Jachin und Boas

Die Sephiroth zwischen Jachin und Boas

Ähnlich wie diese Hilfsmittel wird auch die Kabbala im Okkultismus benutzt, um die Zukunft vorherzusagen. So war z.B. der berühmte Hellseher Michel de Nostradame ein Kabbalist. Zwar könnte die Zukunft in der Tat mathematisch berechnet werden, da alles im Universum auf dem Prinzip Aktion-Reaktion basiert, doch die okkulte Kabbala vertritt keinen wissenschaftlichen, sondern einen rein magischen Ansatz.

Die Anfänge der hermetischen Kabbala liegen bei den Okkultisten Robert Fludd (1574-1637) und John Dee (1527-1608). Einige Historiker sehen in der okkulten Philosophie sogar eine Triebfeder der Renaissance, in welcher viele antike Lehren und Stile ihre Wiedergeburt feierten. Ihre Blütezeit erreichte die hermetische Kabbala schließlich im 18. und 19. Jahrhundert, wo sie u.a. Einzug in die Theosophie und den Geheimbund „Hermetic Order of the Golden Dawn“ fand. Angesichts dessen wird der okkulten Kabbala sogar von offizieller Seite eine antichristliche Ausrichtung attestiert. Allerdings entwickelte sich diese Ausrichtung wohl nicht erst im 18. und 19. Jahrhundert, sondern lag schon immer in der Natur okkulter Praktiken.

Im Okkultismus ist es außerdem üblich, die Wahrheit zu verzerren. Es verwundert daher nicht, dass Autoren wie der französische Schöpfer des modernen Baphomet, Éliphas Lévi (1810-1875), die kabbalistischen Lehren nur verfälscht wiedergaben. Dem amerikanischen Okkultisten Arthur Edward Waite (1857-1942) wird dagegen zwar nachgesagt, er hätte sich um eine korrekte Darstellung der Kabbala bemüht, doch konnte er weder Hebräisch noch Aramäisch. Daher übernahm er sämtliche Fehler aus Jean de Paulys Zohar-Übersetzung. Waites daraus resultierendes Werk „The Secret Doctrine in Israel“ dürfe ebenfalls für einige Missverständnisse verantwortlich sein, welche die Judenfeindlichkeit in Bezug auf die okkulte Kabbala befeuert haben.

Aus der hermetischen Kabbala entwickelte sich im 20. Jahrhundert die so genannte „Hollywood-Kabbala“. Diese geht auf Philip Bergs Kabbalah Centre zurück, welches 1969 in Tel Aviv gegründet wurde und inzwischen weltweit 40 Filialen hat. Philip Berg (1929-2013), dessen eigentlicher Name Feivel Gruberger lautete, war tatsächlich Jude. Er vertrat jedoch eine esoterische Auslegung der Kabbala, in welcher er auch Nichtjuden unterrichtete. Unter Rabbinern und jüdischen Kabbalisten ist Berg daher sehr umstritten.

Einige Kritiker sehen in Bergs New Age-Kabbala, welche er ab seinem Umzug nach Los Angeles in den 1990ern in Hollywood verbreitete, sogar die Antithese zur jüdischen Kabbala. Kein Wunder also, dass sie bei den Stars der Pop-Okkultur so beliebt ist. Zu ihren Anhängern zählen u.a. Madonna und Britney Spears – beide Nichtjüdinnen.

Die heutige Hollywood-Kabbala steht absolut in der Tradition der hermetischen Auslegung, welche sich in der freimaurerischen Gnosis, der Theosophie und dem Satanismus wieder findet. Wenn sich dementsprechend Stars als Kabbalisten outen, so hat dies rein gar nichts mit dem Judentum oder Christentum zu tun. Die Rolle von Philip Berg ist bei alledem sehr zweifelhaft. War er nur ein mieser Geschäftemacher, der den Okkultisten in Hollywood gelegen kam, oder war er selbst zum Okkultismus konvertiert und verbreitete absichtlich eine verzerrte New Age-Version der Kabbala?

Ein Kommentar zu “Die Kabbala und der Weltenbaum – Jüdische versus okkulte Mystik

  1. Immer wenn es um die Kabbala, Sephiren, Opferung, Symbolik etc geht dann muss ich immer an den Anime Neon Genesis Evangelion denken. Der nun wirklich vollgeladen ist mit Religion, Mystik, Symbolik und dem ganze Kram ist. Da versucht eine geheime Elite die Menschheit auf eine Göttliche Stufe zu erheben und in einem alternativen Ende wird die Menschheit geopfert und wieder in der Ursuppe vereinigt und… keine Ahnung das Ende versteh ich nicht, zu viel Symbolik und nichts davon wird erklärt. Vielleicht könnt ihr ja mal einen Beitrag dazu machen, zur Thematik auf dieser Seite würde es allemal passen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s