Lucy – Wie man weniger als 10% seines Hirns nutzt

von Shinzon

Luc Besson zeichnet sich als Regisseur für einige brillante Filmklassiker wie „Das fünfte Element“ verantwortlich und setzte mit „The Lady“ der birmesischen Politikerin Aung San Suu Kyi ein würdiges Denkmal. Mit „Lucy“ kann er jedoch keinen weiteren Meilenstein landen, da allein schon der Plot völlig absurd ist. Der Film basiert nämlich auf der falschen Annahme, wir Menschen würden nur 10% unseres Hirns nutzen.

Die Wissenschaft hat diese Behauptung schon längst widerlegt – alle Menschen nutzen 100% ihres Gehirns. Die Frage lautet nur, wie effizient sie es nutzen? Das hängt von einigen Faktoren ab, wie gut z.B. die Hirnzellen vernetzt sind, ob es chemische Ungleichgewichte oder erblich bedingte Beeinträchtigungen gibt usw. Sicherlich könnten die meisten Menschen viel mehr aus ihrem Hirn herausholen, aber das brachliegen ganzer Hirnareale ist ein Mythos, dessen sich mitunter Sekten wie $cientology bedienen.

Nun kann man Luc Besson sicherlich nicht einfach solche Verbindungen unterstellen, allerdings ist die Propagierung solcher Mythen zumindest grob fahrlässig. Zudem liefert Besson mit „Lucy“ auch einen storytechnisch total vermurksten Bullshit ab, der sich obendrein bei anderen Filmen bedient. Als erstes kommen einem da gleich die „X-Men“ in den Sinn. Wobei es schon kaum noch als Zufall zu werten ist, dass die Hauptrolle der Lucy von Scarlett Johansson gespielt wird, die schon einmal als Dr. Jean Grey telepathische und telekinetische Kräfte entfalten durfte.

Ebenso unkreativ ist der Titel „Lucy“ an sich. Lucy ist der Name des ersten Australopithecus-Skeletts, welches 1974 in Äthiopien entdeckt wurde. Die Vormenschendame gilt als erster Hominide und damit als Bindeglied zwischen Affe und Mensch. Nun ist es abermals eine Lucy, die den nächsten Schritt in der Evolution geht.

Dabei ist diese Lucy anfangs gar nicht mal so intelligent. Sie ist eine verschusselte Amerikanerin, die in Taiwans Hauptstadt Taipeh mit einem abgehalfterten Drogenkurier namens Richard (Pilou Asbæk) abhängt. Dieser hat gerade keinen Bock, seinem Boss gegenüberzutreten und zwingt Lucy, einen Koffer für ihn abzugeben. Da der Drogenbaron Jang (Choi Min-sik) keine Planänderungen mag, lässt er Richard prompt erschießen und Sexkätzchen Lucy in sein Apartment bringen. Dort erblickt sie erst einmal ein paar verstümmelte Leichen, die unterstreichen, dass Jang ein echt mieser Verbrecher ist.

Lucy SexkätzchenNachdem sich der Fiesling die blutigen Hände abgewischt hat, lässt er Lucy den Koffer öffnen. Darin befindet sich eine neuartige Modedroge, die er sogleich an einem Junkie austesten lässt. Die wenig begeisterte Amerikanerin soll, zusammen mit vier anderen Unschuldigen, insgesamt 5 Päckchen der Droge nach Europa einschmuggeln. Und zwar nicht am Körper, sondern im Körper. Da die unfreiwilligen Drogenkuriere von dem chirurgischen Engriff wenig begeistert sind, benutzt der Mafiaboss ihre Familien als Druckmittel.

Auf dem Weg zum Flughafen können einige von Jangs Untergebenen natürlich nicht ihre Schmutzfinger von Lucy lassen, doch als sie auf sie eintreten, platzt das Drogenpaket in ihrem Unterleib und sie bekommt eine Überdosis. Statt nun zu sterben, erfährt sie einen Bewusstseinsschub und kann ihren Häschern dank der gesteigerten Reaktionsfähigkeit entkommen. Außerdem kann sie noch wie Spiderman die Wände hochklettern, obwohl sie gar nicht von einer radioaktiven Spinne gebissen wurde.

Der erste Weg nach ihrer Selbstbefreiung führt Lucy ins Krankenhaus, wo sie erst einmal vollkommen sinnlos einen Patienten erschießt und die Ärzte unter Gewaltandrohung dazu zwingt, ihr das Drogenpaket herauszuoperieren. Während sie die Schmerzen ohne jede Betäubung erträgt, entwickelt sich ihr Hirn immer weiter, sodass sie alles ungefiltert aufnehmen und sich an alles erinnern kann. Ähnliches gab es schon in „Ohne Limit“, obgleich dieser Film um einiges bodenständiger war.

Es ist zwar durchaus zutreffend, dass es bewusstseinserweiternde Drogen wie Dymethyltriptamin gibt, doch eine Droge, die einen zum X-Man mutieren lässt, ist vollkommen unbekannt. Obendrein soll das synthetische CPH4, welches Lucy verabreicht wurde, in Natur von Schwangeren produziert werden, was vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist. Wäre dem so, müssten ja alle Babys als Übermenschen auf die Welt kommen.

Den wissenschaftlichen Rahmen, welcher von Prof. Samuel Norman (Morgan Freeman) vorgegaukelt wird, sprengt der Film aber ohnehin. Während Telepathie und Telekinese noch nachvollziehbar sind, ist das Verändern und Erschaffen von Materie aus dem Nichts totaler Humbug. Obendrein gab es das bereits in „Green Lantern“ und der war total schwachsinnig.

Scarlett Johansson geht aber noch einen Schritt weiter. Sie besitzt nicht nur die Fähigkeiten von Jean Grey, sondern auch die fast aller anderen X-Men. Darunter Mystiques Fähigkeit zur Gestaltwandlung. Das ist durchaus sehr hilfreich bei ihrer Flucht von Taiwan nach Europa. Lucy kann sowohl ihre Haarfarbe ändern als auch ihre Augen. Bereits im Trailer ist dabei ein Reptilienauge zu sehen, was wieder einmal auf dämonische Besessenheit anspielt.

Lucy Reptoauge

Wo sich Reptiloide tummeln, sind meist auch die Grey nicht weit. Nach allem, was man von Entführungsopfern weiß, beeinflusst diese Spezies schon seit Jahrtausenden massiv die menschliche Evolution. Es ist daher nicht verwunderlich, dass eines dieser Wesen heimlich über Lucys Entwicklung wacht. Zugegeben, auf dem Werbeplakat im Hintergrund ist lediglich eine blasse Person mit Sonnenbrille zu erkennen. Dennoch fällt auf, dass diese Person offenbar absichtlich weiß geschminkt ist und das Brillengestell ebenfalls weiß ist, sodass der Eindruck eines Grey mit großen, schwarzen Augen entsteht. Ein unterschwelliger Trigger für Insider.

Lucy Grey_1Lucy Grey_2

Doch bevor Lucy ihren Schöpfern unter die Augen tritt, muss sie erst einmal nach Europa. Was sie dort so richtig will, ist ihr selbst wohl nicht ganz klar. Anfangs gibt sie dem französischen Ermittler Pierre del Rio (Amr Waked) den Tipp, wo er die anderen unfreiwilligen Drogenkuriere hochnehmen kann, nur um sich die Substanz anschließend selbst reinzufeiern. Die Drogenmafia setzt sie indes nur vorübergehend außer Gefecht und lässt Jangs Bluthund entkommen.

In die Zukunft zu schauen, scheint dabei nicht zu ihrem Repertoire zu gehören, denn die Mafiosi verfolgen sie bis zu Prof. Norman, wo sie erst einmal alles zusammenschießen. Lucy hätte sie natürlich mit einem einzigen Gedanken aufhalten und vernichten können, lässt es jedoch zu, dass die Verbrecher haufenweise Cops und unschuldige Zivilisten massakrieren. Warum hat sie überhaupt erst Gnade mit den Drogenmafiosi walten lassen, während sie auf der anderen Seite völlig skrupellos den Patienten im Krankenhaus von Taipeh erschossen und unzählige Menschen bei ihrer Amokfahrt durch Paris aus dem Weg gefegt hat? Ziemlich unlogisch für jemanden, der bereits 80% seines Hirns nutzt.

Doch es geht noch absurder. Während vor der Tür das Gefecht tobt, macht Lucy erst mal ganz entspannt eine Zeitreise. Dabei begegnet sie Indianern, Dinosauriern und zum Schluss auch noch der Lucy, welche vor 3 Millionen Jahren lebte. Bei letzterer Begegnung berühren sich die Finger der beiden, was nicht zufällig an Michelangelos Gemälde „Die Erschaffung Adams“ an der Decke der Sixtinischen Kapelle erinnert. Zum einen wird hier angedeutet, dass Lucy für die Evolution der Menschheit verantwortlich ist, zum anderen nimmt sie in dieser Darstellung die Rolle Gottes ein.

Michelangelos "Die Erschaffung Adams"

Michelangelos „Die Erschaffung Adams“

Und da wären wir schon beim Kern des Films. Es dreht sich alles um die Gottwerdung des Menschen, was ein alter esoterischer Traum ist. Freimaurerisch-theosophisches Gedankengut in Reinkultur und schlimmer noch, es findet sich auch bei $cientology wieder. Wie eingangs erwähnt, propagieren solche Psychosekten den Mythos, dass wir nur 10% unseres Hirns nutzen würden und bieten für einen entsprechend hohen Betrag an, diese Quote zu steigern. Lucy kommt dabei wohl einem Operierenden Thetan der Stufe 10 gleich.

In diesem Kontext wird offensichtlich, wie gefährlich der von Luc Besson propagierte Blödsinn ist. Kinozuschauer, die diesen Film zu ernst nehmen, könnten schnell zu Opfern von Psychosekten werden. Dort werden sie aber keinen Bewusstseinssprung erleben, sondern das genaue Gegenteil – geistige Sklaverei!

Davon versteht auch Lucy etwas und so hinterlässt sie der Welt vor ihrem Verschwinden einen Supercomputer. Mal abgesehen davon, dass ein allsehender Zentralcomputer, wie er bereits vom Venus-Projekt beworben wird, technokratischer Faschismus ist, fragt man sich doch ernsthaft, wozu ein allmächtiges Wesen wie Lucy noch einen Computer braucht? Oder wie Captain Kirk es einst ausdrückte: „Wozu braucht Gott ein Raumschiff?“

Nun, Lucy ist genauso wenig göttlich wie das feindselige Wesen auf Sha’Ka’re. Sie beweist bei mehreren Gelegenheiten, dass sie in den normalen Menschen nur Insekten sieht, welche sie nach belieben platt drückt. Als sie der Menschheit ihr zweifelhaftes Abschiedsgeschenk hinterlässt, hat ihre Kreation dementsprechend auch nichts Schönes. Statt Licht und Liebe wuchern hässliche, schwarze Tentakel aus ihr heraus. Dieser Effekt ist einerseits überflüssig und andererseits maximal abstoßend.

Nach dieser abartigen Freakshow wartet der Film dann auch noch mit einem geklauten Ende auf. Nach ihrem physischen Ende lässt Lucy nämlich die Telefone klingeln. Na, woher kennen wir das wohl?

Fazit: „Lucy“ kann kaum als eigenständiger Film betrachtet werden. Es handelt sich viel mehr um eine grottenschlechte Mischung aus „Der Rasenmähermann“ und den „X-Men“ mit einer Prise „Ohne Limit“. Wer solche Klassiker schändet, verdient keine gute Bewertung! Weitere Punktabzüge gibt es für den unwissenschaftlichen Mumpitz, die unzähligen Logiklücken, die blutrünstige Gewaltdarstellung und den zur Schau gestellten Gottkomplex. Dieser Film beansprucht keine 10% der Hirnkapazität, sondern ist vollkommen hirnlos. In die Tonne damit und Hände weg von den Drogen!

3 Kommentare zu “Lucy – Wie man weniger als 10% seines Hirns nutzt

  1. Naja..so schlecht fand ich den Film jetzt nu nicht vom Unterhaltungswert her. Und wissenschaftlich muss er nicht sein, ist ja keine Lehrveranstaltung der Uni. Mich hat eher die permanente Samsung-Werbung dort überall gestört.

    „Obendrein soll das synthetische CPH4, welches Lucy verabreicht wurde, in Natur von Schwangeren produziert werden, was vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist. Wäre dem so, müssten ja alle Babys als Übermenschen auf die Welt kommen.“
    Es ist aber durchaus oft so, dass synthetisch hergestellte Substanzen eben doch auch anders sind als die natürliche gleiche Substanz, bzw sind eben doch nicht genau gleich.

    Was mir sehr ins Gesicht gesprungen ist bei dem Film bzw. worums meiner Meinung nach ging im Grunde ist der Transhumanismus. Das ist mir schon unangenehm aufgestoßen. Da haben die ganzen menschlichen Opfer und Empathie dann halt mal keine Rolle gespielt. Das Ende hat die Transhumanismus-Agenda ziemlich deutlich gemacht.

  2. Diese Droge wird von Schwangeren in der 6ten Woche nur in einer kleinen Dosis hergestellt , sodass dem Baby Knochen wachsen kann.

    So hab ich das jedenfalls verstanden🙂

    • Was da im Film behauptet wird, ist völlig schnuppe. CPH4 gibt es in der Realität nicht. Dieser Wirkstoff ist fiktiv und wenn man ihn bei Wikipedia oder in einer beliebigen Suchmaschine eingibt, bekommt man nur Artikel über den Film.

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