Hüter der Erinnerung – Die neue Weltordnung in Schwarz/Weiß

von Shinzon

Nach „Die Bestimmung“ folgt mit „Hüter der Erinnerung“ nun die nächste Dystopie nach einem Jugendroman. Die Autorin Lois Lowry erhielt für dieses Werk zwar eine Newbery Medal, doch wirklich Neues bietet weder das Buch noch der Film. Ähnliche Dystopien gibt es schon zuhauf und gerade die Verfilmung kupfert bei einigen Genreklassikern ab.

Der Film spielt in einer nach außen hin abgeschotteten Gemeinschaft, die auf den ersten Blick ideal wirkt. Es gibt keine Kriege und keine Gewalt, alles ist sauber, alle sind zufrieden. Die Stadt wirkt wie eine Umsetzung des Venus-Projektes von Jacques Fresco. Und es birgt ebenso garstige Abgründe.

Venus-Projekt

Der erste Negativpunkt dieser scheinbar perfekten Gesellschaft ist der Mangel an Individualität. Die Menschen sind nämlich nicht nur gleichberechtigt, sondern gleichgeschaltet. Die Grundsteine dieser Fehlentwicklung werden bereits im Kleinkindalter gelegt. So wachsen die Kinder nicht bei ihren biologischen Eltern auf, sondern werden konstruierten Familieneinheiten zugeteilt. Dort werden sie zur Konformität erzogen. Niemand darf sich von den anderen abheben.

Nun mag eine klassenlose Gesellschaft ja durchaus erstrebenswert sein und es ist richtig, dass keine Elite den Rest der Gesellschaft dominieren sollte. Doch es spricht nichts dagegen, warum es in einer herrschaftsfreien Gesellschaft nicht auch individuelle Freiheit geben sollte. Zumal die dargestellte Gemeinschaft gar nicht wirklich klassenlos ist. Es gibt einen Ältestenrat, der diktatorischer kaum sein könnte.

Dieser Rat entscheidet sogar über den beruflichen Werdegang aller Menschen. Angeblich, damit jeder optimal nach seinen Fähigkeiten eingesetzt wird. Für die Politik und Justiz sind dann wohl Eigenschaften wie Korruption und Skrupellosigkeit gefragt. Doch dies soll nicht das Schicksal von Jonas (Brenton Thwaites), Fiona (Odeya Rush) und Asher (Cameron Monaghan) sein, welche sich gerade auf dem Weg zur Jobzuteilung befinden.

Natürlich erinnert die Szene sehr stark an „Die Bestimmung“, worauf sogar ziemlich direkt angespielt wird. Allerdings mit dem Unterschied, dass es in „Hüter der Erinnerung“ keine Kasten gibt und die jungen Erwachsenen sich ihren zukünftigen Beruf nicht selbst aussuchen können. Fiona wird Gebärhelferin und Asher Drohnenpilot. Am Ende bleibt nur Jonas übrig, für den sich die Chefälteste (Meryl Streep) etwas Besonderes aufgehoben hat. Er soll der neue Hüter der Erinnerung werden, womit wir auch schon beim Kern der Handlung sind.

Das Regime kann sich nämlich nur an der Macht halten, indem es die Erinnerung an die gesamte Menschheitsgeschichte unterdrückt. Es ist ja wahrlich nichts Neues, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Dass die Sieger sie aber komplett aus dem Gedächtnis der Menschen ausradieren, ist schon sehr gewagt. Die einzige Ausnahme bildet der Hüter, dem die Erinnerung erlaubt ist, um dem Ältestenrat mit seinem Wissen als Berater zu dienen. Jonas ist damit so etwas wie der Auserwählte und natürlich ist bei seiner Initiation das freimaurerische Dreieck nicht weit.

Dreieck Initiation

Die Ausbildung übernimmt der Geber (der alt gediente Freimaurer-“Dude“ Jeff Bridges), welcher die Erinnerungen mittels einer Art telepathischer Brücke überträgt. Wie genau das funktioniert und warum das nur per Händedruck geht, bleib schleierhaft. Weniger schleierhaft ist dagegen der übergroße Stern der Isis, welcher den Boden der Hüterhütte ziert. Wie selbstverständlich findet sich in dessen Zentrum wieder einmal die Pyramide.

Sternboden

Zunächst zeigt der Hüter seinem Schüler einige schöne Eindrücke von einer Schlittenfahrt und einer Hochzeit, welche seltsame Gefühle in Jonas wecken. Gefühle sind zwar nicht direkt untersagt, aber tiefer gehende Emotionen werden mit einer täglichen Medikamentendosis unterdrückt, die Jonas heimlich absetzt. Sorry, aber das erinnert jetzt einfach zu stark an „Equilibrium“.

Tägliche Dosis

Obendrein wird die triste Schwarz/Weiß-Kulisse zunehmend farbenfroher, was man nicht offensichtlicher aus „Pleasantville“ hätte klauen können. Die erste Farbe, die Jonas sieht, ist selbstverständlich Rot. Immerhin hat seine Angebetete rote Haare, was sie ganz im crowleyschen Sinne zur Frau in Scharlachrot macht.

Fiona in Scharlach

Nun glänzt der Film nicht gerade durch eigenständige Ideen und erwartungsgemäß kann es Jonas gar nicht abwarten, seine neu erworbenen Erinnerungen zu teilen. Darunter mit Gabriel, dem jüngsten Zuwachs seiner Familie. Eigentlich darf jede Familie nur zwei Kinder aufnehmen, aber das Baby ist so gesehen nur auf der Durchreise und dabei entdeckt Jonas etwas Interessantes. Gabriel hat nämlich am Handgelenk ein ähnliches Muttermal wie Jonas und kann dessen Erinnerungen durch Berührungen aufnehmen. So erfährt der Kleine, dass sein Plüschnilpferd eigentlich ein Elefant und das fünfte Bein ein Rüssel ist.

Über die Merkwürdigkeit, dass selbst Tiere aus dem Bewusstsein der Gemeinschaft entfernt wurden, während der Privatbesitz von Kuscheltieren erlaubt ist, kann man nur den Kopf schütteln. Ohnehin scheint die gesamte Natur verschwunden zu sein, was in einer weiteren Szene deutlich wird, in der Arbeiter einen künstlichen Baum zusammenschrauben. Ein weiterer Hinweis darauf, dass dieses Pseudoparadies nur eine Illusion ist?

Kunstbaum

Deutlichere Anzeichen bieten die allgegenwärtigen Kameras, welche in dreieckiger Form gehalten sind. Der Überwachungsstaat ist omnipräsent.

(Bild folgt)

Der einzige Ort innerhalb der Gemeinschaft, an dem es keine Kameras gibt, ist die Hütte des Hüters. Dort kann der Meister ganz offen mit seinem Schüler reden. Dumm nur, dass der Schüler sein Wissen auch außerhalb dieser Grauzone an seine Freunde weitergeben will. Fiona weiht er in ihrem gemeinsamen Geheimversteck ein, welches wieder mal die Form eines freimaurerischen Dreiecks hat. Zu betreten ist die dreieckige Hecke nur durch einen Wasserfall, in dem sich für alle Nichtfarbenblinden ein Regenbogen abzeichnet. Eine ziemlich offene Anspielung auf die folgende Erleuchtung.

Luziferische Taufe

Fiona kann kaum fassen, was Jonas ihr erzählt, setzt allerdings auf seinen Rat hin ihre tägliche Drogendosis ebenfalls ab. Leider nicht ohne das Mitwissen der Ältesten, die auch das Versteck der beiden mit einer Überwachungskamera observiert haben. Das ist schlecht für Jonas, zumal er kurz darauf herausfindet, was mit seiner Vorgängerin passiert ist.

Ja, es gab schon einmal eine Auserwählte, welch Überraschung! Nur kam sie nicht mit den Erinnerungen des Gebers klar. Sie wurde zu einem gefährlichen Element und daher aus der Gesellschaft „entlassen“, wobei letzteres so viel wie „zum Tode verurteilt“ bedeutet. Jonas muss indes nicht nur damit fertig werden, dass es einst Wilderei und Krieg gab, sondern erkennt darüber hinaus, dass sich die Menschheit nicht wirklich verändert hat. Statt das Töten zu beenden, wurde es lediglich umbenannt und legalisiert.

Auch das gab es schon in „Equilibrium“, in dem zur Vermeidung zukünftiger Kriege ein Krieg gegen die Emotionen geführt wird. Nur sah das Ganze in „Equilibrium“ viel cooler aus. In „Hüter der Erinnerung“ gibt es dagegen legalen Kindesmord. Auf der Abschussliste landen bereits Babys, deren Gewicht von der Norm abweicht. Diese Form der Gleichmacherei ist nun wirklich völlig absurd und übertrifft sogar noch die antiken Spartaner. Zudem ist es vollkommen unglaubwürdig, dass sich die Euthanasieärzte nicht im Klaren darüber sind, was sie da tun.

Da der kleine Gabriel ebenfalls auf der Todesliste steht, fasst Jonas den Entschluss, gemeinsam mit dem Baby und Fiona zu fliehen. Fiona hilft den beiden zwar, kommt allerdings nicht mit, was sich schnell als fataler Fehler herausstellt. Denn während sich Jonas durch Sand- und Schneewüsten schlägt, findet sie sich in der Todeszelle wieder. Dort steht ihr lediglich der alte Hüter moralisch bei, was die Chefälteste zur Weißglut treibt.

Für Fiona gibt es nur eine Rettung. Jonas muss die Grenze zur Außenwelt durchbrechen. Dabei bekommt er unerwartete Hilfe von Asher, der ihn zwar erst mit einer Drohne einfängt, ihn dann aber entkommen lässt. Den Sturz in einen tosenden Wasserfall überstehen Jonas und Gabriel natürlich ebenso unbeschadet, wie schon die Motorradstunts zuvor. Extremsport mit Baby im Gepäck – sehr realistisch! Nach dieser kleinen Odyssee findet Jonas schließlich einen Schlitten, mit dem er die Grenze durchbricht. Offenbar war die erste Erinnerung, die ihm der Hüter gegeben hat, ein diskreter Hinweis.

Die Rodelfahrt bringt Jonas schließlich ans Ziel und auf wundersame Weise können sich plötzlich alle Bewohner der Gemeinschaft an die Vergangenheit erinnern. Zudem können alle wieder Farben sehen und die Welt ist gerettet. Ein wenig zu viel Fantasy für einen Science Fiction Film.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, landet Jonas bei einer alten Hütte, in der gerade Weihnachtslieder geträllert werden. Ja klar, da leben freie Menschen direkt an der Barriere zur neuen Weltordnung und keiner merkt’s. Obendrein landet der Auserwählte ausgerechnet zu Weihnachten dort. Ist er jetzt Jesus oder was?

Fazit: „Hüter der Erinnerungen“ berührt eigentlich ein sehr interessantes, politisches Thema. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert damit auch die Zukunft. In der Realität betrifft das vor allem die antike Geschichte, den Untergang von Atlantis, die wahre Bedeutung der Pyramiden oder die Prä-Astronautik. Daran will dieser Film jedoch nicht erinnern. Stattdessen enthält die dargebotene Dystopie haufenweise Fantasy-Elemente, welche jede Glaubwürdigkeit zerstören. Hinzu kommt, dass massiv bei weitaus besseren Genre-Klassikern wie „Equilibrium“ und „Pleasantville“ geklaut wird.

Neben diesen Kritikpunkten sowie dem unbefriedigenden Ende stört vor allem die ständige Freimaurersymbolik. Das Dreieck ist einfach überall – im Park, an den Überwachungskameras, im Bürgersaal und zu guter Letzt auch im Gerichtsgebäude. Ein lautes „Seht her: Wir kontrollieren alles!“ wäre nicht weniger subtil gewesen. Doch ist es wirklich nur ein Freimaurerdreieck oder gar ein Dianetik-Logo? Die Gemeinschaft könnte nämlich glatt das Produkt einer beliebigen totalitären Sekte sein.

Dreieck Controler

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