Der Fliegenpilz – Ein Ticket ins Wunderland

von Shinzon

Der Fliegenpilz gehört mit seiner roten Kappe und den weißen Punkten zu den auffälligsten Pilzsorten. Seine Signalfarbe deutet bereits auf seine Giftigkeit hin, die allerdings von Region zu Region variieren kann. In Japan und Sibirien steht der Fliegenpilz z.B. auf der Speisekarte, während der Verzehr in Westeuropa durchaus tödlich enden kann.

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Der Hauptgrund für den Verzehr von Fliegenpilzen ist deren berauschende Wirkung, die bis zur Ekstase reicht. Der Konsum durch Schamanen ist u.a. bei den sibirischen Völkern der Wogulen, Ostjaken und Kamtschadalen belegbar. Bei Letzteren ist neben dem schamanischen auch der hedonistische Gebrauch üblich. Die Verwendung als Glückssymbol gewinnt angesichts dessen eine völlig neue Bedeutung.

Zuweilen kommt es allerdings vor, dass nicht direkt der Fliegenpilz konsumiert wird, sondern der Urin des Schamanen. Das hat nichts mit Natursektfetischismus zu tun, sondern damit, dass der Wirkstoff Ibotensäure bei der Verdauung zu Muscimol abgebaut wird. Muscimol ist weniger giftig, hat dabei aber eine größere Rauschwirkung. Durch das Trinken des Urins können also unangenehme Wirkungen wie Magenkrämpfe und Brechreiz umgangen werden.

Diese leicht abartige Praxis findet sich interessanterweise in Lewis Carrolls (1832-1898) Werk „Alice im Wunderland“ wieder. Nachdem Alice dem weißen Kaninchen gefolgt und in dessen Bau gefallen ist, findet sie dort ein Stück Kuchen mit der Aufschrift „Iss mich!“ und ein Getränk mit dem Hinweis „Trink mich!“. Als sie den Aufforderungen nachkommt, beginnt sie wahlweise zu wachsen und zu schrumpfen. Eigentlich verändert sich jedoch nur ihre Größenwahrnehmung infolge des Drogenkonsums. Der Kuchen ist offensichtlich der Pilz und das Getränk der Urin. In einer späteren Szene, in der die weiße Königin einen Zaubertrank braut, um Alice’ Größe anzupassen, erwähnt diese Urin sogar namentlich als Zutat.

Der Pilz taucht ebenfalls später in seiner reinen Form auf. Auf ihm sitzt eine Raupe, die eine Haschischpfeife raucht, was noch einmal auf die Bedeutung des Pilzes als Droge hinweist. Überhaupt scheint „Alice im Wunderland“ ein knallbunter Drogentrip zu sein. Verachtenswerterweise sind sowohl die Romanvorlage als auch die Verfilmungen für Kinder gedacht. Denen sollte man lieber ein vernünftiges Buch über Pilze in die Hand geben, damit sie den Unterschied zwischen Speise- und Giftpilzen lernen.

Drogen KiKa

Der Fliegenpilz ist selbstverständlich nicht der einzige Pilz mit halluzinogenen Eigenschaften. Es gibt zusätzlich eine ganze Reihe psilocybinhaltiger Pilze, so genannte Magic Mushrooms. Am beliebtesten ist die Sorte der Spitzkegeligen Kahlköpfe, deren Gattung über 180 Arten umfasst. Die psychoaktiven Inhaltsstoffe Psilocybin und Psilocin wirken ähnlich wie LSD, haben jedoch eine kürzere Wirkungsdauer. LSD wird, nebenbei bemerkt, ebenfalls aus einem Pilz gewonnen – dem Getreidepilz Mutterkorn.

Spitzkegeliger Kahlkopf

Die rituelle Anwendung von psychoaktiven Pilzen ist aus vielen Kulturen weltweit bekannt und kann teilweise auf eine Zeit vor bis zu 5.000 Jahren v.Z. zurück datiert werden. Am weitesten verbreitet war der Pilzkult in Lateinamerika, wo die die ältesten Steinfiguren von Pilzen auf ein Alter von 1.000 bis 500 v.Z. datiert werden konnten.

Pilzskulpturen

Die Azteken bezeichneten den Magic Mushroom als „Teonanacatl“, was frei übersetzt so viel wie „Fleisch der Götter“ heißt. Durch den Verzehr des heiligen Pilzes konnten sie mit ihren herbei halluzinierten Göttern kommunizieren. Erstaunlicherweise findet sich in der katholischen Kirche ein vergleichbares Ritual. Im Christentum nimmt der Leib Christi die Rolle des Fleisches der Götter ein. Auf einigen zeitgenössischen Darstellungen lassen sich sogar einige Ähnlichkeiten des Christkindes mit einem Fliegenpilz erkennen.

Pilzjesus

Heutzutage werden in den Kirchen natürlich keine lustigen Pilze mehr gereicht, doch die runde Oblate erinnert immer noch an den Pilzhut.

Pilze knabbern

Ein weiterer Pilzhut findet sich direkt auf dem Schädel des Pfaffenhäuptlings.

Lord Fliegenpilz

Ein Kommentar zu “Der Fliegenpilz – Ein Ticket ins Wunderland

  1. Ich kenne den Fliegenpilz aus eigener Erfahrung was man da alles erlebt. Wurde ja auch bei den Indianern als Geistesritual „Droge“ verwendet.

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