Nach Anschlagserie: Nazis in Gotha ausgepfiffen

von Shinzon

Ausländerfeindliche Ressentiments waren in Deutschland schon vor Pegida nicht nur unter Rechtsextremisten weit verbreitet, sondern auch in weiten Teilen der Bevölkerung. Pegida sowie deren offen rechtsextreme Ableger (z.B. Sügida in Suhl, Thüringen) brachten lediglich nach außen, was schon lange im Verborgenen gärte.

Doch es sind nicht etwa Kriegsflüchtlinge aus Syrien oder dem Irak für den Untergang des Abendlandes verantwortlich. Es sind Nazis, die Asylheime schänden und Jagd auf Ausländer machen. Eine Gesellschaft, die derartiges toleriert oder gar befürwortet, ist keine Wertegemeinschaft, sondern allenfalls eine wertlose Gemeinschaft. Wohin Fremdenfeindlichkeit und Hass führen, zeigte sich bereits kurz nach dem Mauerfall in Rostock und Hoyerswerda.

Am 4. April 2015 war es im sachsen-anhaltischen Tröglitz wieder einmal so weit und erneut brannte ein Asylbewerberheim. Zum Glück war dieses noch unbewohnt, dennoch offenbart der Anschlag den unmenschlichen Hass der Faschisten. Diese hatten bereits im Vorfeld den Bürgermeister von Tröglitz bedroht und Fackelmärsche vor dessen Haustür veranstaltet, bis dieser resigniert sein Amt niederlegte.

Die Ereignisse lehren uns drei Dinge über die Rechtsextremisten. 1. Nazis haben null Mitgefühl für Menschen in Not. Sie sind nicht einen Deut besser als der IS, vor dem die Menschen aus Syrien und dem Irak geflohen sind. 2. Die Faschisten wollen die Demokratie zerstören. Sie bedrohen immer offener gewählte Politiker und deren Familien. 3. Obwohl die Nazis immer wieder herumjammern, was uns Steuerzahler die Asylsuchenden angeblich kosten, schrecken sie selbst nicht vor Sachbeschädigungen in Millionenhöhe zurück. Der braune Terror kostet uns inzwischen weitaus mehr und hilft im Gegensatz zum Asyl niemandem.

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Diesem Terror fiel am 4. April dabei nicht nur das Asylheim in Tröglitz zum Opfer. Auch in Thüringen schlugen die Faschisten im Jonastal zu. Noch am Vormittag wurden an der frisch eingeweihten Gedenkstätte des KZ Buchenwald-Außenlagers SIII bei Ohrdruf anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung Blumen niedergelegt. Über 300 Menschen gedachten der Opfer und unter den Gästen befanden sich auch einige Zeitzeugen. Darunter der Bürgermeister von Liebenstein, Albrecht Dürer (DIE LINKE), der einst selbst den Todesmarsch mit ansehen musste, der ehemalige Gefangene Pedro Mischtschtik, der in seiner ehemaligen Häftlingskleidung extra aus der Ukraine angereist war sowie der ehemalige US-Soldat Douglas Dillinger. Ebenfalls anwesend waren der russische Konsulatsmitarbeiter Dimitri Basko, der Sohn eines US-Soldaten Marc Kitchell und der amerikanische Filmemacher Mathew Nash.

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Nur wenige Stunden nach der Gedenkfeier wurden die Blumenkränze geschändet und die Tafel der neuen Gedenkstätte verbogen. Die hinterhältige Tat ist eine Verhöhnung der Opfer und offenbart einmal mehr die Ehrlosigkeit der Nazis. Diese gingen in den Wochen darauf noch einen Schritt weiter und drohten dem Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow offen mit dem Tode. Man könnte glatt meinen, wir leben hier in Dallas (Texas)!

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Geschadet haben sich die Faschisten mit ihrem offen gewalttätigen und kriminellen Verhalten allerdings in erster Linie selbst. Ihrem Aufruf zu einer fremdenfeindlichen Demonstration am 18. April in Gotha folgten gerade einmal unter 300 Personen. Darunter fanden sich tatsächlich einige Bürger, die sich von den Ressentiments gegenüber Flüchtlingen anlocken ließen. Ob diese sich zwischen den 250 radikalen Nazis der Kameradschaft „Bündnis Zukunft Landkreis Gotha“, dem „3. Weg“, der Partei „Die Rechte“ sowie den rund 70 aus Halle angereisten Hooligans wohl fühlten, ist mehr als fraglich. Der Spaßfaktor dürfte sich bei alledem ebenfalls in Grenzen gehalten haben.

Die Gegenseite versammelte sich bereits ab 11 Uhr am Gothaer Bahnhof, wo die Landtagsabgeordnete Johanna Scheringer-Wright eine Kundgebung mit Infostand angemeldet hatte. Es dauerte nicht lange, bis sich rund 50 Antifaschisten versammelt hatten und später kamen noch einmal so viele aus Erfurt und Weimar angereist. Während die meisten schon mal zum Coburger Platz gelaufen sind, haben wir mit einer Handvoll weiterer Aktivisten die Ankunft der Hooligans aus Halle gegen 13:22 Uhr abgewartet. Wir hatten schon die Befürchtung, von mehreren hundert Schlägern überrannt zu werden, doch am Ende waren es nur 67 Kameraden, die schnell in die wartende Straßenbahn geflüchtet sind.

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Als wir am Coburger Platz ankamen, wurden die Nazis dort bereits von etwa 400 Gegendemonstranten umringt. Das klägliche Häufchen, zudem sich kurz darauf die 67 Hooligans gesellten, stand wie im Zoo hinter Gittern. Es fehlten eigentlich nur noch die Schilder mit der Aufschrift „Bitte nicht füttern, Tiere beißen!“ Da die Polizei zu dem Zeitpunkt relativ entspannt war, hatten wir eine gute Sicht auf den braunen Zirkus und konnten direkt bis ans Gehege heran.

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Der Gothaer Kameradschaftsführer Marco Zint (Mitte).

Der Gothaer Kameradschaftsführer Marco Zint (Mitte).

Eine missglückte Kreuzung von Mensch und Tellarit?

Eine missglückte Kreuzung von Mensch und Tellarit?

Etwas befremdlich war die Musikauswahl der Faschisten. Unter anderem hat eine Naziband „Deine Schuld“ von den Ärzten geklaut. Das eigentlich linke Lied wurde auf abscheulichste Weise von einem mutmaßlichen Wildschwein runtergegrunzt. Zum Glück erhielt die Gegenkundgebung, welche von der Bundestagsabgeordneten Martina Renner (DIE LINKE) angemeldet worden war, kurze Zeit später Unterstützung von einem Blasorchester, welches die Nazis mit Liedern wie „Die Gedanken sind frei“ übertönte. Die Hassreden der Nazis gingen indes in einem lauten Trillerpfeifenkonzert unter.

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Nach diesem ersten Erfolgt am Coburger Platz ging es weiter in die Innenstadt. Dort waren bereits über 400 Menschen versammelt, womit die Zahl der Nazigegner insgesamt schon an die 800 heranreichte. Auf dem oberen Hauptmarkt hatten die demokratischen Parteien DIE LINKE, SPD, die Grünen und Piraten ihre Stände vor einer großen Bühne aufgebaut. Zudem gab es Waffeln, Bratwürste und vieles mehr, von deren Verkaufserlös ein Teil an die Flüchtlingshilfe geht. Bevor es auf dem Hauptmarkt so richtig losging, kam bereits die Meldung herein, dass die Nazis von einer Sitzblockade auf der Humboldtstraße aufgehalten wurden.

Da wir ebenfalls noch ein paar Eindrücke von den Sitzblockaden sammeln wollten, haben wir uns mit einigen anderen in der Jüdenstraße versammelt, wo die Nazidemo ursprünglich langgehen sollte. Es war bereits schändlich genug, dass die Faschisten überhaupt eine solche Route genehmigt bekommen haben, die sie in Gothas ehemalige von Juden bewohnte Straße führen sollte. Dagegen wollten auch wir ein Zeichen setzen. So weit kam es allerdings nicht, denn das braune Pack wurde bereits durch die Gartenstraße umgeleitet.

Wie wir später erfahren haben, muss es am Stadtbad zu einigen Auseinandersetzungen gekommen sein. Die Polizei prügelte auf einige der Blockierer ein und verletzte mindestens eine Person. Statt den Nazis die Strecke frei zu räumen, hätte die Polizei aber lieber die braune Horde im Auge behalten sollen. Einige der Faschisten versuchten nämlich, sich einen Weg durch die Innenstadt zu bahnen und haben dabei wohl einen Polizeibeamten in der benachbarten Fritzelsgasse angegriffen.

Zum Glück war die Innenstadt schon wieder nazifrei, als wir uns einen Weg zum Brühl bahnten. Von dort aus hatten wir erneut einen guten Blick auf das rechte Gesindel, welches abermals von einer Sitzblockade in der Gartenstraße aufgehalten wurde.

Die Assiflut wurde in Gotha erfolgreich gestoppt.

Die Assiflut wurde in Gotha erfolgreich gestoppt.

Der III. Irrweg.

Der III. Irrweg.

Besorgniserregend: Eltern infizieren ihre Kinder mit Rassismus.

Besorgniserregend: Eltern infizieren ihre Kinder mit Rassismus.

Die Nazis besaßen tatsächlich die Frechheit, unserer Seite vorzuwerfen, dass wir unseren eigenen Untergang begrüßen würden, weil wir Flüchtlinge aus Kriegsgebieten willkommen heißen. Offenbar haben die noch nicht ganz begriffen, was 1945 los war. Sie pauschalisieren einige Negativbeispiele auf alle Ausländer, um den Deutschen Angst vor der „Asylflut“ zu machen. Aber ausgerechnet Adolf Hitler finden sie toll – den kriminellsten Ausländer, der jemals deutschen Boden betreten hat, der tatsächlich die Macht übernahm und Deutschlands Untergang zu verantworten hatte. Wie blöd kann man nur sein?

Aber damit nicht genug, beflaggten die Nazis ihren LKW mit Kruckenkreuzfahnen in den ukrainischen Farben Blau und Gelb. Bedauerlicherweise ist dieses Symbol in Deutschland noch nicht verboten, obwohl es schon lange europaweit von Neofaschisten als Hakenkreuzersatz genutzt wird.

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Nachdem die Blockade in der Gartenstraße geräumt war, gab es nur noch eine Möglichkeit, die Nazis am Betreten des Neumarktes zu hindern und zwar direkt hinter der Sparkasse. Die Seitengasse zwischen Capitol und Sparkasse war bereits von der Polizei gesperrt und wir ahnten, dass die Marktstraße ebenfalls gesperrt sein könnte. Doch dem war keineswegs so. Am Zugang zum Neumarkt standen bereits über 300 Gegendemonstranten, denen wir uns anschlossen. Die Menschenmenge wuchs schnell auf rund 500 Personen an und da die Nazis ohnehin nicht mehr über den Hauptmarkt kamen, wurde die dortige Veranstaltung abgebrochen und die verbliebenen Leute von dort ebenfalls zum Neumarkt geschickt.

Die bunt gemischte Menschenmasse blockierte wie ein großer Korken den Zugang zum Neumarkt und damit war die Polizei endgültig überfordert. Zumal es sich nicht um Antifas vom schwarzen Block handelte, sondern um Bürger aller Altersstufen. Sogar seine Hoheit, der Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) hatte erkannt, dass Nazis Gothas Ruf nicht adeln und schloss sich der Masse an. Es hätte wohl einen gewaltigen Eklat gegeben, wenn eine solche Blockade für ein elendes Häufchen Faschisten gewaltsam beiseite geräumt worden wäre.

Die Polizeibeamten vor Ort hatten zudem sichtlich keinen Bock, den Oberbürgermeister aus der eigenen Stadt zu werfen und sich dabei durch ein Blasorchester zu boxen, welches abermals „Die Gedanken sind frei“ spielte. Das hätte nur gewaltigen Ärger von Seiten der Landesregierung gegeben und obendrein waren die Mehrheitsverhältnisse offensichtlich. Ziviler Ungehorsam hin oder her, es war eine demokratisch einwandfreie Mehrheitsentscheidung, die Faschisten nicht auf den Neumarkt zu lassen. Man könnte es auch eine Volksabstimmung unter freiem Himmel nennen.

Für die Nazis war ihre erste Demonstration seit 12 Jahren in Gotha indes ein absolutes Fiasko. Die Teilnehmerzahl blieb weit hinter ihren Erwartungen zurück, während die Gegenseite im Verlauf des Tages weit über 1.000 Menschen auf der Straße brachte. Von diesen wurden die Faschisten permanent an jeder Ecke ausgepfiffen, was eine maximale Demoralisierung bedeutet. Unterwegs wurden sie zudem mehrfach aufgehalten, ihren Zielort haben sie nicht erreicht und mussten obendrein 2 Stunden vor dem geplanten Ende abbrechen. Kurz vor ihrer Abreise wurden sie dann auch noch vom antifaschistischen Blasorchester mit dem Stück „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ verhöhnt.

Die Faschos dürften wohl ziemlich sauer gewesen sein und die wenigen Bürger, die ihrem fremdenfeindlichen Aufruf gefolgt sind, werden sich hoffentlich nicht noch einmal eine solche Blöße geben. Den Rechten bleibt nicht einmal die Genugtuung, mit dem Finger auf angeblich gewaltbereite, vermummte Antifas zu zeigen. Die blieben nämlich den ganzen Tag über friedlich und daher hatten die Gothaer auch keinerlei Berührungsängste. Das Feindbild Antifa funktioniert unter solchen Vorraussetzungen einfach nicht. Das Bild von gewaltbereiten Hooligans, die auf die Polizei einprügeln, hat sich dagegen zumindest teilweise bestätigt. Zum Glück ist Gotha aber nicht Köln und mit nur 250 Mann war nicht viel auszurichten.

Alles in allem war der 18. April in Gotha ein voller Erfolg für die demokratischen Kräfte und hat gezeigt, dass in dieser sonst eher leblosen Stadt doch noch einiges an Potential schlummert. Am Montag, den 27. April, geht es dann weiter nach Ohrdruf, wo das rechte Bündnis Thügida ebenfalls gegen Flüchtlinge marschieren will. Es bleibt zu hoffen, dass auch dort die Assiflut gestoppt wird.

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