Lykanthropie – Das Tier in dir

von Shinzon

Legenden von Werwölfen sind vor allem in der nordischen Mythologie verbreitet, woher sich auch der Name ableitet. Das germanische „Wer“ bedeutet „Mann“, während die Bedeutung von „Wolf“ unverändert geblieben ist. Der Wortstamm findet sich weiterhin im niederländischen „weerwolf“ sowie im altenglischen „werewolf“. Die alten europäischen Sagen vom Mannwolf haben überraschend wenig mit den heutigen Darstellungen in Horrorfilmen gemein und reichen sehr weit in die Antike zurück.

Die älteste bekannte Metamorphose eines Menschen zu einem Wolf stammt aus dem sumerischen Gilgamesch-Epos. In diesem verwandelt die Göttin Ištar einen Schäfer in einen Wolf. In der griechischen Literatur sowie in den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid wird der arkadische Sagenkönig Lykaon von Zeus in einen Wolf verwandelt, weil er seinem Gott Menschenfleisch vorsetzte. Auffällig ist dabei, dass der Name Lykaon dem altgriechischen Wort „lýkos“ für „Wolf“ ähnelt.

Lykaon (Druck von 1589)

Lykaon (Druck von 1589)

In mittelalterlichen Legenden wurde aus der Strafe der Götter ein Pakt mit dem Teufel. Dieser habe seinen Dienern einen Gürtel aus Wolfsfell gegeben, mit dessen Hilfe sie sich angeblich in Wölfe verwandeln konnten. Teilweise wurden solche Fabeln sogar ernst genommen. Zum Beispiel glaubte der Dominikaner Thomas von Aquin (1225-1274), dass Werwölfe von Dämonen erzeugte Scheinbilder seien. Einige Werwolfsgeschichten kommen allerdings auch ohne Teufel aus. Zu den bekanntesten Werwolfslegenden gehören die isländische „Egils Saga“ aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und die ebenfalls isländische „Völsunga Saga“ aus der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts.

Die Verwandlung bei Vollmond wurde erstmal im 1. Jahrhundert von Titus Petronius Arbiter (14-66) in dessen Erzählung „Gastmahl des Trimalchio“ beschrieben. Bei dieser Episode aus dem Roman „Satyricon“ handelt es sich selbstverständlich nur um eine Phantasiegeschichte. Eine gänzlich ernsthafte Behauptung über nordische Menschen, die sich bei Vollmond in Wölfe verwandeln, stellte dagegen der schwedische Katholik Olaus Magnus (1490-1557) in seinem Werk „Geschichte der nördlichen Völker“ auf. Damit widersprach er Plinius dem Älteren (ca. 24-79), welcher zwar Wolfsmenschen in seiner „Naturalis Historia“ erwähnte, diese aber für ein Gerücht hielt.

Geistliche wie Olaus Magnus waren mit ihren Äußerungen mitverantwortlich, dass im Zuge der europäischen Hexenverfolgung auch zahlreiche Männer der Werwolfsverwandlung bezichtigt und hingerichtet wurden. Bei einem dieser Prozesse wurde der Bauer Peter Stump zusammen mit seiner Geliebten und seiner Tochter hingerichtet. Stump selbst wurde auf besonders grausame Weise zunächst gerädert und anschließend enthauptet. Seine angeblichen Taten wurden im westlichen Rheinland zur Legende und aus seinem Rufnamen Stubbe entwickelte sich der Stüpp.

Andere Werwolfsprozesse können indes mit Wolfsplagen in Verbindung gebracht werden. Neben dem Hunsrück und Westerwald war vor allem Frankreich betroffen, wo es zwischen 1520 und 1630 zu rund 30.000 Wolfsangriffen gekommen sein soll. Dies führte nicht nur zu fast vollständigen Ausrottung der Wölfe in Westeuropa, sondern diente zugleich als Vorwand, unliebsame Personen als Werwölfe zu denunzieren und hinzurichten.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde schließlich eine Verbindung zwischen Lykanthropie und Vampirismus gezogen. In einigen Vampirsagen verwandeln sich demzufolge zum Werwolf mutierte Menschen nach dem Tod in Vampire. Die Verbindung beider Mythen wird in der Bezeichnung „Wudodalak“ deutlich, welche sich von „Wurdalak“ ableitet. „Wurdalak“ wird in den griechischen und slawischen Sprachen gleichermaßen als Bezeichnung für Werwolf und Vampir verwendet und bedeutet „wolfhaarig“. Ähnliche Begriffe gibt es in Serbien („Vukodlak“), Polen („Wilkolak“), Bulgarien und Slowenien („Vrkolak“) sowie in Weißrussland („Wawkalak“).

In der modernen Horrorliteratur und den entsprechenden Filmen treffen Werwölfe und Vampire ebenfalls häufig aufeinander. Allerdings werden sie in den meisten Fällen als verfeindete Spezies dargestellt. Die Werwölfe erfuhren zudem eine starke Wandlung. So wurde zum Beispiel Silber als Waffe gegen Werwölfe entdeckt. Zudem ist Lykanthropie heutzutage keine Strafe der Götter mehr und ebenso wenig ein Geschenk des Teufels. Zum Werwolf wird man in den meisten Fällen nur durch einen Biss von einem selbigen. Zuweilen kann der Fluch wieder aufgehoben werden, wenn das Opfer den Werwolf tötet, von dem es gebissen wurde. In Filmen mit eher wissenschaftlicher Auffassung handelt es sich indes um eine virale Infektion.

Letzteres könnte dabei durchaus eine realistische Erklärung für den Ursprung von Werwolfslegenden sein. Möglicherweise könnten nämlich durch Wolfsbisse übertragene Tollwutinfektionen die passende Inspiration geliefert haben. Ein weiteres Erklärungsmodell bietet die Hypertrichose, bei deren Auftreten an sonst unbehaarten Körperstellen wie dem Gesicht dichtes Fell wächst. Die eine Möglichkeit schließt dabei die andere keineswegs aus.

Barbara "Chewbacca" Vanbeck

Barbara „Chewbacca“ Vanbeck

Die Verwandlung bei Vollmond dürfte indessen auf den Mythos zurückzuführen sein, dass Wölfe den Mond anheulen. Dies ist zwar wissenschaftlich widerlegt, doch wir reden hier von Zeiten, in denen tiefer Aberglaube herrschte und Wissenschaft als Ketzerei galt. Als es in Europa noch dichte Wälder gab, erzeugte nächtliches Wolfsgeheul gewiss so manche Gänsehaut und in Vollmondnächten war dies noch grusliger. Wenn dann noch irgendwo eine Leiche im Wald gefunden wurde, musste dies eine perfekte Steilvorlage für Werwolfsgeschichten sein.

Wolfsmond

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