Druiden – Die Loge zur geschnittenen Mistel

von Shinzon

Wer sich einen Druiden vorstellt, hat schnell das Bild von Miraculix im Kopf, der Misteln schneidet und Zaubertränke braut. Doch die Druiden waren mehr als nur verrückte Magier. Sie waren die geistige Elite der keltischen Gesellschaft und bildeten eine Art Priesterschaft der heidnischen Religion. Im Prinzip waren sie eine Weiterentwicklung der Schamanen aus primitiveren Gesellschaften, doch beschränkte sich ihr Wirken nicht nur auf Astrologie und Religion. Sie waren zudem Philosophen und Rechtsgelehrte. Im Gegensatz zu Schamanen waren sie allerdings nur in seltenen Fällen Heiler. Die Kelten hatten bereits einen eigene Kategorisierung für Ärzte (keltisch „Liaigis“).

Die wichtigsten Funktionen der Druiden waren das Praktizieren von mantischen Bräuchen, also Wahrsagerei, und das Durchführen von Opferungen. Menschenopferungen scheinen dabei durchaus eine Rolle gespielt zu haben. So wurden bei einigen Sonderbestattungen Schnitt- und Nagespuren entdeckt, die auf rituelle Tötungen und sogar Kannibalismus hindeuten könnten. Ferner wurden auch Spuren gewaltiger Opferfeuer inklusive verbrannter menschlicher Knochen entdeckt. Die vermeintliche antikeltische Kriegspropaganda der Römer, laut der Menschen in Weidengeflechten verbrannt wurden, scheint also den Tatsachen zu entsprechen.

Historisch belegt ist zudem der keltische Kopfkult, bei dem die Schädel der Feinde abgetrennt und als Trophäe mitgeführt wurden. Die Kelten glaubten, dass dadurch einerseits die Kraft sowie das Wissen ihrer Feinde auf sie überginge und zum anderen die Geister der Toten in der anderen Welt unschädlich gemacht würden. Diese abartigen Kulthandlungen wurden zwar nicht zwangsläufig von Druiden durchgeführt, allerdings wurden ihre Heiligtümer durchaus mit Schädeln geschmückt, wie das Eingangstor des Heiligtums von Ribemont-sur-Ancre in Frankreich zeigt.

Bis auf solche archäologischen Ausgrabungen ist relativ wenig über die frühen Druiden der Antike bekannt. Dies liegt vor allem an Cäsars Schriftverbot für die Inhalte der druidischen Glaubenslehre. So bleiben nur die römischen Quellen, darunter Plinius. Dieser prägte das Bild der Druiden als weiß gekleidete Mystiker, die mit Sicheln Misteln von Eichenbäumen schneiden. Plinius kann also als Erfinder von Miraculix angesehen werden. Seine Schilderungen von Stieropfern fanden jedoch keinen Einzug in die Comicwelt.

Während nun schon Gaius Julius Cäsar (100-44 v.Z.) die Druiden unterdrückte, ließ sein Nachfolger Augustus (63 v.Z. – 14 n.Z.) die Ausübung der gallischen Religion komplett verbieten. Dessen Nachfolger Tiberius (42 v.Z. – 37 n.Z.) schaffte die „Gesellschaft von Medizinmännern und Sehern“ ab und der Todesstoß erfolgte durch Claudius (10 v.Z. – 54 n.Z.). Doch wie heißt es so schön: Totgeglaubte leben länger.

Zunächst überlebte der Druidenkult in Britannien, wo es zu weiteren Auseinandersetzungen mit Rom kam. Zudem lebte der Kult in anderen Teilen Europas im Untergrund fort, was in der Spätantike zu einem erneuten Aufflammen der keltischen Religion führte. Die Berichte über aktive Druiden reichen noch bis ins Mittelalter hinein. Insbesondere in Irland stiegen Druiden zu Adeligen und Beratern von Königen auf.

Die irischen Druiden leisteten zunächst sogar Widerstand gegen die Christianisierung der Insel. Als diese nicht mehr aufzuhalten war, flossen dennoch keltische Bräuche ins irische Christentum ein. So findet man bis heute Keltenkreuze auf irischen Friedhöfen.

Keltengräber

Quelle

Möglicherweise ist es dem Überleben des Druidenkultes im Untergrund zu verdanken, dass es im 18. Jahrhundert eine Keltenromantik gab. Im Zuge dieses Revivals kam es zur Gründung zahlreicher moderner Druidenorden, die mal mehr mal weniger viel mit den antiken Druiden gemein hatten. Einige existieren bis heute und ihre Bandbreite reicht von romantisch verklärtem Neuheidentum bis hin zu okkulter Geheimbündelei.

Ein wichtiger Impuls für die neuzeitlichen Druiden waren unter anderem die Arbeiten des britischen Altertumsforschers John Aubrey (1626–1697), welcher Stonehenge mit den Duiden in Verbindung brachte. Der mit Aubrey befreundete Ire John Toland (1670-1722) ließ schließlich 1717 ein Treffen von Delegierten druidischer und bardischer Kreise aus Großbritannien, Irland und der Bretagne einberufen. In Covent Garden gründete er zusammen mit anderen Freimaurern den Ancient Druid Order und ließ sich während des Herbst-Äquinoktiums zu Erz-Druiden küren.

Der Ancient Druid Order gehört bis heute zu den einflussreichsten druidischen Organisationen. Zu seinen Vorsitzenden gehörte u.a. der bekannte britische Dichter, Maler und Freimaurer William Blake (1757-1827), welcher den Orden von 1799 bis 1827 leitete. William Blake ist sowohl für die Druiden als auch für die Freimaurer bis heute eine zentrale Figur. Sein musikalisch vertontes Gedicht „Jerusalem“ wurde sowohl auf der Hochzeit von Prinz William als auch beim Auftakt der Olympischen Spiele 2012 in London gespielt.

Nach dem Tod des Vorsitzenden Robert MacGregor im Jahr 1964 wurde der Ancient Druid Order geteilt. Ein Teil des Ordens wurde dabei von Philip Peter Ross Nichols (1902-1975) übernommen und als Orden der Barden, Ovaten und Druiden (engl. „Order of Bards, Ovates & Druids“) neu gegründet. Nichols war darüber hinaus ein Freund von Gerald Gardner, dem Begründer des Wicca-Kultes.

Ross Nichols

Ross Nichols

Die Bezeichnungen Ovate, Barde und Druide bilden das allgemeine Gradsystem aller druidischen Orden. Es fällt auf, dass die Druiden ebenso drei Grade haben wie die Johanneslogen in der Freimaurerei. Der Orden der Barden, Ovaten und Druiden hat zudem wenig überraschend die Tugenden der Freimaurerei in weiten Teilen übernommen und sich darüber hinaus bei anderen esoterischen Gesellschaften bedient. Heute gehören dem Orden der Barden, Ovaten und Druiden weltweit etwa 10.000 Mitglieder an.

Eine weitere druidische Organisation, die bereits 1694 gegründet wurde, ist der Mount Haemus Grove. Initiiert wurde diese Gruppierung vom Pfaffen William Stukeley (1687–1765), der wie Aubrey einen Zusammenhang zwischen Steinkreisen und der keltischen Religion herstellte. Obwohl Stukeley nach außen das Christentum predigte, hing er selbst dem polytheistischen Heidentum an und betitelte sich selbst als Erzdruide. Zudem gab er sich den Namen Chyndonax, nach einem angeblichen Druiden, der auf einer 1623 gefundenen Bronzetafel aus Dijon (Frankreich) erwähnt wurde. Seine Anhängerin Prinzessin Augusta von Sachsen-Gotha (1719–1772) erhielt indes den Titel „Veleda, Erzdruidin von Kew“, benannt nach einer antiken germanischen Seherin.

Unter Stukeleys Einfluss wurde 1781 vom Freimaurer Henry Hurle der Ancient Order of Druids gegründet. (Nicht zu verwechseln mit dem Ancient Druid Order.) Von diesem spaltete sich 1833 wiederum der United Ancient Order of Druids ab, der sich selbst nicht länger als Geheimbund definierte, sondern als Wohltätigkeitsorganisation. Er ist damit das druidische Äquivalent des Rotary- oder Lions-Club, die später von Freimaurern gegründet wurden.

1964 gründeten amerikanische Studenten unter der Führung von Isaac Bonewits (1949–2010) am Carlton College (Minnesota) schlussendlich noch die Reformed Druids of North America, aus denen 1984 die Ar nDraoicht Fein (ADF) hervorging. Ar nDraoicht Fein ist inzwischen die zahlenmäßig stärkste neudruidische Organisation in den USA. Es gibt noch weitere kleinere Orden, die alle zusammen in Dachverbänden wie der britischen Druids Society organisiert sind.

Die Struktur der Dachverbände erinnert wieder einmal stark an die Freimaurerei, deren Logen ebenfalls in Dachverbänden organisiert sind. Es sollte daher nicht weiter verwundern, dass es eine International Grand Lodge of Druidism gibt. Deren Ziele Humanität, Toleranz und Menschenrechte kommen einem ebenfalls entsprechend bekannt vor. Allerdings dürften sie, ebenso wie bei den Freimaurern, nur ein Deckmantel für okkulten Mummenschanz sein.

Die 1908 gegründete International Grand Lodge of Druidism gliedert sich wie die internationale Freimaurerei in Großlogen, in welchen wiederum lokale Logen zusammengefasst sind. Weltweit soll es rund 50.000 Druiden innerhalb der IGLD geben. Zwar können sowohl Männer als auch Frauen beitreten, die Logen sind jedoch nach Geschlechtern getrennt. Die Aufnahme bedarf der Zustimmung aller Logenmitglieder und erfolgt in einem feierlichen Ritual. Neben den üblichen Logenzusammenkünften treffen sich Delegierte aus allen Ländern alle vier Jahre auf einem Weltkongress, der jedes Mal in einem anderen Land stattfindet.

Das wichtigste Symbol der International Grand Lodge of Druidism ist ein Heptagramm. Der siebenstrahlige Druidenstern soll als Leitstern dafür sorgen, die Ziele der Loge im Blick zu behalten.

Druidenstern

In Deutschland entstand die erste Druidenloge bereits 1872 mit Unterstützung aus den USA. Nach Gründung der IGLD wurde die Berliner Dodona-Loge in den Dachverband integriert. Im Gegensatz zu anderen deutschen Logen existiert sie noch heute. Die meisten der 264 Logen, welche bis 1933 gegründet wurden, fielen indes dem Naziregime zum Opfer. In der Schweiz, wo die Druiden ab 1912 Fuß fassten, lösten sich die Logen in dieser Zeit ebenfalls auf, da sie dem deutschen Dachverband untergeordnet waren.

Der Boykott der Druiden durch die Nazis hatte allerdings, ebenso wie die vermeintliche Verfolgung der Freimaurer, eine dunkle Kehrseite. Die Nazis erhielten nämlich sehr wohl auch Unterstützung aus diesen Kreisen. Bei den Freimaurern fällt einem da sofort der amerikanische Autobauer und Antisemit Henry Ford ein. Bei den Druiden wurde indes Neven Henaff (1908–1983), der Gründer der druidischen Gesellschaft in der Bretagne, zum Nazikollaborateur. Während in Deutschland die Druidenlogen schließen mussten, arbeitete sich der Druide Henaff bis zum SS-Untersturmführer hoch.

Während sich die Druiden in Deutschland recht schnell wieder erholten, fanden sich in der Schweiz erst 1962 einige Männer zusammen, um mithilfe der süddeutschen Großloge die Baseler Jacob-Burckhardt-Loge zu gründen. Heute ist die Schweiz eine New Age Hochburg, woran neben den Freimaurern und Theosophen wohl auch die Druiden einen hohen Anteil haben. In der Schweiz gibt es heute 12 Druidenlogen und in Deutschland 60.

Zum Schluss sollten noch einige namhafte Druiden genannt werden, was für einige Überraschungen sorgen dürfte. Wenig überraschend dürfte dagegen sein, dass die folgenden Personen fast ausnahmslos auch der Freimaurerei angehörten bzw. angehören. Darunter der ehemalige britische Premier Winston Chruchill (1874–1965), Queen Elisabeth II. (*1926), Prinz Charles (*1948) und der Theologe Baron Rowan Douglas Williams (*1950). Zu den bekanntesten amerikanischen Druiden gehörten indes der Psychedelic Folk Musiker Gwydion Pendderwen (1946–1982) und der Songwriter Isaac Bonewits (1949–2010).

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