The Purge: Anarchy – Der Widerstand wächst

von Shinzon

„The Purge“ präsentiert uns eine Zukunftsvision der USA, in der alle Straftaten für eine Nacht erlaubt sind. Dreht sich der erste Teil noch um das Schicksal einer Familie, deren Sohn einem Obdachlosen das Leben rettet, ist der „The Purge: Anarchy“ etwas größer angelegt. Statt einem kleinen Akt des Widerstandes, welcher das politische System infrage stellt, gibt es diesmal eine offene Rebellion.

Die Handlung beginnt am späten Nachmittag des 21. März 2023 (Quersumme 13), um 4:34 Uhr (Quersumme 11). Die Regierung feiert sich dafür, dass die Arbeitslosenquote bei nur noch 5% liegt und immer weniger Menschen in Armut leben. Das hat jedoch nichts mit der Schaffung gut bezahlter Arbeitsplätze zu tun, wie sich schon bald herausstellt. Ebenso wird durch die Purge die Kriminalität nicht gesenkt, sondern auf eine Nacht konzentriert. Dabei entstehen ganz neue Betätigungsfelder für kriminelle Banden. Doch dazu später mehr.

Eva Sanchez (Carmen Ejogo) gehört zur unteren Einkommensklasse und arbeitet im Restaurant von Mrs. Crawley (nein, nicht Crowley). Sie muss sich nach Feierabend beeilen, um sich rechtzeitig vor Beginn der Purge in ihrer Wohnung zu verbarrikadieren. Andere Leute, darunter Sergeant Leo (Frank Grillo), bereiten sich indes schon auf die Jagd vor. Er handelt aus Rache, da sein Sohn bei einem Autounfall mit Fahrerflucht getötet wurde.

Das Ehepaar Liz (Kiele Sanchez) und Shane (Zach Gilford) gehört indes zur Mittelschicht und will die Nacht in Ruhe daheim verbringen. Um nicht in Staus zu geraten, fahren sie durch Nebenstraßen, wo die Einwohner bereits ihre Häuser vernageln. Shane zappt ganz entspannt durch das Fotoalbum auf seinem Tablet-PC und stößt dabei auf einen Schnappschuss, der ihn und seine Frau mit Freimaurergesten zeigt. Sie macht das „V“, während er mit „M“-Geste posiert.

01 V & M

Auf den großen Monitoren in der Stadt läuft bereits die staatliche Propaganda, verkündet durch den neuen Gründungsvater Donald Talbot. Ob der Vorname des Politikers wohl eine Anspielung auf Donald Trump ist? Es würde auf alle Fälle passen.

02 Propaganda

Im Internet schaut sich Evas Tochter Cali (Zoe Soul) derweil Videos einer revolutionären Gruppe an, welche die Purge als das gottlose Ritual verurteilt, was sie nun einmal ist. An dieser Stelle wird zum ersten Mal offensichtlich, dass es einen organisierten Widerstand gibt. Großvater Rico (John Beasley) ist davon jedoch wenig begeistert und bezeichnet die Botschaft als „Scheiß“. Dabei müsste er es besser wissen, denn er gehört zur Unterschicht und hasst die Purge-Nacht.

03 Stimme des Widerstands

Liz und Shane haben in der Zwischenzeit ihre erste Begegnung mit einem Gang-Mitglied. Der Typ hat sein Gesicht wie einen Totenschädel geschminkt und sich ein umgedrehtes Satanskreuz auf die Stirn gemalt.

04 Cro

Das erinnert stark an die Maske des deutschen Rappers Cro und erklärt sogleich, warum dieser eine Pandamaske trägt. Das Gesicht des Pandas wirkt wie ein Totenschädel und genau deshalb liegen Pandas momentan so im Trend. Cro kopiert im Prinzip Sido, nur geht er etwas dezenter vor.

Satanic Panda

Ein anderes Gangmitglied trägt eine Maske mit der Aufschrift „God“. Damit ist die Gottwerdung des Menschen gemeint, denn in der Purge-Nacht darf jeder über Leben und Tod anderer entscheiden. Noch expliziter kann man nun wirklich nicht darauf hinweisen, welch satanisches Ritual die Säuberung ist.

05 Falscher Gott

Wie sich kurz darauf zeigt, hat die Gang das Auto von Liz und Shane manipuliert, sodass sie nach wenigen hundert Metern auf der Strecke bleiben. Obwohl die Purge noch nicht begonnen hat, werden sie bereits gejagt.

Eva und Cali sitzen indes daheim vorm Fernseher, wo die Sendung „News 13“ den Countdown anzählt. Wo Menschen geopfert werden, ist der Schlangenträger nicht weit. Das Programm wird unterbrochen und nach einem kurzen staatlichen Hinweis über die Regeln der Säuberung ertönen die schrecklichen Sirenen, welche den Beginn des Massakers verkünden. Ab nun bricht die Hölle über die USA herein.

06 News 13

Doch nicht nur auf den Straßen wird gemordet. Wie Eva feststellen muss, hat sich ihr Vater für 100.000 $ an eine reiche Satanistenfamilie verkauft, damit die ihn auf einer Snuff-Party töten kann. Da er ohnehin schwer krank war, wollte er seiner Tochter und Enkelin einen Gefallen tun. Das mag zwar nobel klingen, doch es ist sowohl moralisch verwerflich als auch naiv. Es mag zwar sein, dass seine Hinterbliebenen das Geld gut gebrauchen könnten, aber dazu müssen sie erst einmal selbst die Nacht überleben. Den Großvater ersetzt es ihnen in jedem Fall nicht und bei dem, was die Satanistenbrut mit Opa Rico vorhat, wäre die Krankheit die angenehmere Art des Abtritts gewesen.

07 Auf zur Schlachtbank

08 Snuff-Party

Wie aufs Stichwort werden Eva und Cali von ihrem Vergewaltigernachbar Diego (Noel Gugliemi) überfallen, der sein inneres Biest an den beiden herauslassen will. Bevor der dreckige Schuft loslegen kann, dringen jedoch Special Forces in das Gebäude ein. Während Regierungsbeamte und Militär Immunität genießen und nicht angegriffen werden dürfen, nehmen sie selbst sehr wohl an der Säuberung teil.

09 Stormtrooper

Die beiden Frauen werden vor einen LKW gezerrt, wo sie auf ihre Hinrichtung warten. Wie sich herausstellt, benutzen die neuen Gründungsväter das Militär, um gezielt Armenviertel zu dezimieren. Der Verdacht, dass die Säuberung ein staatliches Ausrottungsprogramm gegen Arme, Arbeitslose und Obdachlose ist, wäre damit bestätigt.

10 Gründungsvater

Leo, der noch einen Funken Menschlichkeit in sich trägt, schreitet ein und knallt die Soldaten über den Haufen. Den Gründungsvater schießt er ebenfalls an und rettet damit das Leben der zwei Frauen. Liz und Shane, die noch immer vor der Gang fliehen, retten sich indes in Leos Auto. Als er die beiden in seinem gepanzerten Wagen erwischt, bleibt nicht viel Zeit zum diskutieren. Die Gang rückt bereits an und der Senator erholt sich ebenfalls. So bleibt Leo nichts anderes übrig, als mit vier Passagieren weiterzufahren.

Die Reise währt jedoch nicht lange, denn der Motor hat eine Salve vom Regierungstruck abbekommen. Leo ist nach wie vor entschlossen, zu seinem Ziel weiter zu ziehen und die anderen im Stich zu lassen. Erst als Eva ihm verspricht, dass er das Auto einer Freundin haben kann, wenn er die vier zur dieser in Sicherheit bringt, kehrt er um und hilft ihnen weiter. Einmal mehr siegt seine menschliche Seite, wenn auch diesmal aus pragmatischen Gründen.

Während die fünf weiter fliehen, wird das Nachrichtennetzwerk exakt 6 Stunden vor Ende der Purge vom Widerstand gehackt. Der Sprecher der Rebellen prangert diesmal nicht nur die Säuberung an, sondern das kapitalistische System als Ganzes. Zudem kündigt er Vergeltungsmaßnahmen gegen die reiche Elite an. Passend dazu betreten die Flüchtlinge gerade das Bankenviertel, in dem nicht viel los ist. Bankraub ist zwar ebenfalls ein für 12 Stunden erlaubtes Delikt, doch die Banken sind nicht blöde und haben ihre Reserven rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Irgendwie erinnert der mordende Pöbel ein wenig an Pegida, denn die machen ebenfalls immer einen Bogen um die Bankenviertel.

Immerhin einer hat sich jedoch erbarmt und einen Börsenmakler aufgeknüpft. Scheinbar war hier der Widerstand aktiv, denn eine Straße weiter steht ein verlassener Regierungstruck mit einer Handvoll toter Soldaten drum herum. Wie zur Bestätigung entdecken die fünf ein Graffiti von den Rebellen an der nächsten Wand.

11 Bösenmakler

Im Truck selbst finden die Flüchtigen eine gigantische Überwachungsanlage, die auf öffentliche Kameras zugreift. Einige Monitore zeigen Stadtpläne, auf denen bestimmte Gebäude in sozialen Problemvierteln markiert sind. Ein weiteres Indiz für die wahren Absichten, welche die Gründungsväter mit der Purge verfolgen. Und eine Warnung, dass noch mehr Trucks unterwegs sind, welche Leo wegen seines Angriffs auf Regierungsbeamte auf dem Kicker haben.

12 Big Brother

13 Angriffsziele

Als der nächste Truck auftaucht und an der nächsten Ecke schon wieder der mordende Pöbel wartet, entschließen sich die Überlebenden, den Rest der Strecke in der U-Bahn zurückzulegen. Dort fragt Cali Leo, warum er ihnen geholfen hat. Sie meint, dass purgen, egal aus welchem Grund, falsch ist. Zwar rät Leo ihr, den Mund zu halten, dennoch weiß er in seinem tiefsten Innern, dass sie recht hat. Um Cali zu schützen, überlässt er ihr sogar seine schusssichere Weste.

Kurz darauf treffen die fünf auf einige Obdachlose. Die sind zwar harmlos, aber genau deshalb eine leichte Beute sind. Die Jäger lassen nicht lange auf sich warten und benehmen sich in einem „Mad Max“-Szenario.

14 Mad Max Bande

Shane und Liz halten den anderen den Rücken frei, damit sie entkommen können. Zwar gelingt es ihnen, die Verfolger zu erledigen, doch Shane fängt sich dabei eine Kugel ein. An der Blue Line Station gehen alle wieder an die Oberfläche, um der Hölle in der U-Bahn zu entkommen. Oder wartet die Hölle nicht eher an der Oberfläche? Die satanische Zahl 6 ist jedenfalls nicht weit.

15 Blue Line 6

Sie schaffen es zwar alle zu Evas Freundin Tanya (Justina Machado), doch sie wurden von einer Überwachungskamera aufgezeichnet und ein Regierungstruck ist bereits unterwegs zu ihnen. Da soll noch mal einer behaupten, die Überwachung diene unserem Schutz!

16 Verkehrskamera

17 Trucks

In Tanyas Wohnung scheint es zunächst sicher zu sein, überall stehen christliche Symbole und die Familie distanziert sich von der Purge. Das sollte Leo langsam auch tun, denn das versprochene Auto gibt es gar nicht. Bevor er so richtig sauer auf Eva werden kann, dreht die Mitbewohnerin Lorraine (Roberta Valderrama) durch und erschießt ihre Schwester Tanya. Offenbar ist ihr Macker mit ihrer eigenen Schwester fremdgegangen. Der passende Zeitpunkt für Leo und Co. sich zu verabschieden, zumal ihnen das Militär schon an den Fersen klebt.

Sie können den Schergen der Gründungsväter zwar entkommen, doch sie laufen direkt vom Regen in die Traufe. Auf der anderen Seite des Zauns wartet bereits die Gang und verschleppt alle in ihrem Transporter. Erstaunlicherweise wollen die Gangster aber gar niemanden töten. Für sie ist die Purge ein Geschäft. Sie sammeln die Überlebenden auf und verkauften sie an reiche Säcke, welche sie dann auf Snuff-Partys meistbietend weiterverhökern.

18 Für eine Handvoll Dollar

Die feine Gesellschaft aus Politikern, Geschäftsleuten, Entertainern und reichen Erben sitzt bei Musik und alkoholischen Getränken beisammen und ersteigert sich ihre Opfer, welche sie gleich darauf in einer vorpräparierten Jagdarena dahinschlachtet. Das wirklich Üble an dieser Szene ist, dass es vergleichbare Snuff-Partys tatsächlich gibt und kriminelle Banden in die Belieferung mit frischen Mordopfern verstrickt sind.

19 Feine Gesellschaft

20 Auktion

Vor der Jagd stellen sich die Jäger noch kurz zum Gebet auf. Doch die beten nicht zu Gott, sondern zu den neuen Gründungsvätern.

21 Gebet

Der Rest der High Society schaut dem Treiben durch eine kugelsichere Scheibe zu. Zwar sind die Opfer unbewaffnet und bewegen sich durch einen dunklen Parkour, während schwer bewaffnete Jäger mit Nachtsichtgeräten Jagd auf sie machen, aber sicher ist sicher. Die Szene ist so dekadent wie menschenverachtend.

22 Zuschauer

Leo gelingt es dank seiner Militärausbildung dennoch, fünf der Gegner auszuschalten, woraufhin die letzten zwei das Weite suchen. Die feine Gesellschaft ist offensichtlich sehr darüber entsetzt, dass es plötzlich einige der Ihren trifft. Das spiegelt exakt die geistige Einstellung der Superreichen wider. In der Menschheit sehen sie nur wertlose Tiere, bestenfalls noch eine Ressource, aber wehe es erwischt ihresgleichen.

In dem Fall greifen sie ganz schnell zu unfairen Methoden. Als sich das Blatt für die Opfer wendet, schickt die Dame des Hauses einen Truppe Bewaffneter in die Arena, gegen den die Überlebenden keine Chance haben. Shane fällt dem feigen Angriff als erster zum Opfer. Doch dann geschieht plötzlich etwas Unerwartetes. Das Gebäude wird von Rebellen gestürmt, die auch verbotenen Sprengstoff verwenden. So fühlt sich das an, wenn plötzlich jemand anders die Regeln macht und die Millionäre die Gejagten sind. Ein herrliches Gefühl, denn die Rebellen töten nicht aus Spaß, sondern für die Gerechtigkeit.

Auffällig ist, dass die meisten der Rebellen Afroamerikaner sind. Allen voran ihr charismatischer Anführer Carmelo (Michael K. Williams). Auch darin zeigen sich Parallelen zur Realität, denn die Afroamerikaner zählen, neben anderen Minderheiten, zu den Hauptopfern von Armut und staatlicher Repression. Das ist gewiss nicht die Art von Bürgerkrieg, welche sich die Elite wünscht. Deren Definition von Bürgerkrieg entspricht eher der Purge, also wenn weiße Rassisten Jagd auf Schwarze und reiche Trumps Jagd auf Arme machen. „Fuck you, neue Gründungsväter!“

23 Gegenschlag

Während sich Liz dem Widerstand anschließt, um Shanes Ermordung zu rächen, will Leo immer noch sein Werk vollenden. Im Parkhaus klaut er der Veranstalterin der Snuff-Party erst mal das Auto. Leider erschießt er sie nicht, obwohl sie es absolut verdient hätte. Aber vielleicht will er auch einfach nicht mehr so sein, wie die Elite ihn haben will. Jedenfalls jagt er der arroganten Millionärin einen gewaltigen Schrecken ein. Da fühlt sie sich auf einmal gar nicht mehr so überlegen.

Mit dem erbeuteten Auto fährt Leo zu dem Haus des Mannes, der seinen Sohn unter Alkoholeinfluss totgefahren hat. Eva und Cali begleiten ihn und Cali versucht noch ein letztes Mal, ihn von seiner Rache abzuhalten. Er geht dennoch ins Haus und stellt den Kerl im Schlafzimmer. Er zerrt ihn aus dem Bett, konfrontiert ihn mit seiner Tat und legt ihm ein Messer an die Kehle.

Als er das Haus wieder verlässt, wird er vom neuen Gründungsvater angeschossen, der nun seine Rache einfordert. Bevor er ihm den Rest gibt, erklärt er noch, warum er damit bis kurz vor Ende der Purge-Nacht gewartet hat. Er wollte, dass Leo erst sein Opfer tötet, bevor er Leo tötet. Der fiese Politbonze wollte es vermeiden, ein Leben zu retten, denn seiner Ansicht nach töten die Amerikaner nicht genug. Das ist auch der Grund, warum Seinesgleichen mit dem Militär nachhilft. Sie wollen die Bevölkerung kontrollieren und das funktioniert nur, wenn man sie drastisch reduziert. Allen voran die Armen, die kaum oder keine Steuern zahlen und daher als nutzlose Esser erachtet werden.

25 Schlechter Mensch

Kurz bevor der Gründervater zum finalen Todesschuss ansetzt, wird er unvermittelt von einem Kopfschuss erwischt. Abgefeuert wurde er vom Hausbesitzer. Überraschung, Leo hat den Mann verschont, was nun wiederum ihm das Leben gerettet hat. Er hat seine Seele gereinigt, wenn auch nicht im Sinne der neuen Gründungsväter. Er fand seine Erlösung durch Vergebung. Der Tod seines Sohnes war kein vorsätzlicher Mord, sondern ein Unfall. Mord wäre es gewesen, sich am Verantwortlichen zu rächen.

Die Purge-Nacht endet, bevor die Regierungssoldaten ihrerseits den toten Gründungsvater rächen können. Eva und Cali sind sichtlich stolz auf Leo und begleiten ihn zum Krankenhaus. Statt jemanden zu töten, hat Leo drei Leben gerettet. Das ist schon fast ein Happy End.

27 Happy End

Fazit: „The Purge: Anarchy“ setzt den ersten Teil der Reihe gekonnt fort. Dabei ist er keineswegs so blutrünstig, wie die Handlung vermuten lässt. Statt einem hirnlosen Massaker gibt es viel Stoff zum Nachdenken. Denn obwohl die Säuberung ein satanisches Ritual ist, geht es im Kern doch darum, in dieser unmenschlichen Welt seine Menschlichkeit zu bewahren. Außerdem bekommt die Elite, die diesen ganzen Opferzirkus veranstaltet, endlich das, was sie verdient.

28 Bewaffnete Staaten von Amerika

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