Deutsche Mitte – zwischen links und rechtsesoterisch

von Shinzon

Die Deutsche Mitte ist eine 2013 gegründete Kleinpartei. Gründer und Vorsitzender ist der inzwischen freie Journalist Christoph Hörstel. Von 1985 bis 1999 arbeitete er als Auslandsjournalist mit Schwerpunkt auf den Nahen Osten bei der ARD, später war er Nachrichtenmoderator bei MDR aktuell. Er kann daher mit Recht von sich behaupten, ein Nahostexperte zu sein und war u.a. Coach für die ISAF-Führungskräfte der Bundeswehr sowie Gastdozent am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg.

Aufgrund der fatalen Kriege in Afghanistan und im Irak plagte ihn alsbald sein Gewissen und er begann, sich für Frieden zu engagieren. Politisch trat er bereits bei der Rosa Luxemburg Stiftung als Redner auf und war Berater der Arbeitsgruppe Friedenspolitik der Piratenpartei. Er stammt also aus dem politisch linken Lager und nannte seine Partei eher aus taktischen Gründen Neue Mitte.

Aus der Neuen Mitte ist inzwischen die Deutsche Mitte geworden. Zwar sind einige der typisch linken Forderungen geblieben, wie z.B. „Bildung statt Bomben!“, „Kriegstreiber stoppen!“, „Umverteilung von fleißig nach reich stoppen!“ oder „Finanzkartell abschaffen!“. Bei letzterem Plakat bedient sich die Deutsche Mitte allerdings einer Bildsprache, die bereits die Nazis benutzt haben, und ähnlich sieht es bei dem Plakat mit der Forderung „Ausgewogenheit in die Medien“ aus. Das mag Zufall sein, hinterlässt jedoch einen üblen Beigeschmack.

In jedem Falle ist die optische Aufmachung der Partei stark populistisch und auch die Umbenennung von Neue Mitte in Deutsche Mitte wirkt so als wollten Hörstel und seine Mitstreiter der AfD die Wähler abjagen. Außerdem hat sich zu den eher linken Themen Frieden und Kapitalismuskritik eine eher AfD-lastige Anprangerung der Asylpolitik hinzugesellt. Immerhin wünscht sich die Deutsche Mitte noch „Frieden und Versorgung statt Flucht“ und keine Mauer um Europa, an der die Flüchtlinge gefälligst zu verrecken haben. Das unterscheidet sie noch von der AfD, welche die Flüchtlinge statt die Fluchtursachen bekämpfen will. Zur Verbreitung von Überfemdungsängsten trägt die Deutsche Mitte aber dennoch bei.

Die Forderung „Raus aus dem Euro!“ hat die Deutsche Mitte indes komplett unverändert von der AfD übernommen. Das ist natürlich reiner Populismus und würde langfristig nichts an den krisenanfälligen, kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen ändern. Der Finanzexperte der Deutschen Mitte ist passenderweise der umstrittene österreichische Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann. Dieser hat zwar einige interessante Kritikpunkte am Finanzsystem, jedoch ist seine Analyse unvollständig. Zudem ist er weit davon entfernt, den Kapitalismus überwinden zu wollen, so wie es Teile der LINKEN fordern.

Noch kritischer ist die Gesundheitspolitik der Deutschen Mitte zu sehen. Die Forderung, „Pharmakartelle [zu] entmachten“, ist zwar auf den ersten Blick richtig und die Schlange auf dem Plakat im Übrigen auch nicht antisemitisch zu verstehen. Es handelt sich um den Äskulapstab, der seit der Antike ein Symbol für Medizin ist. Unkritisch kann man die Forderung aber dennoch nicht sehen, denn gesundheitspolitischer Sprecher der Deutschen Mitte ist der völlig fachfremde Milchwirt Hans Tolzin, der in Bayern als Spitzenkandidat zur Bundestagswahl antritt.

Dieser esoterische Quacksalber ist u.a. ein Anhänger der sogenannten „Neuen Germanischen Medizin“ und ein absoluter Impfgegner. Wenn er deutscher Gesundheitsminister werden würde, hätten wir bald wieder ein Problem mit Polio, Masern, Diphtherie und Pocken. Allesamt Krankheiten, die dank Impfungen weitestgehend zurückgedrängt oder gar ausgerottet werden konnten. Seine Irrlehren verbreitet Tolzin über rechtslastige Esoterikportale wie die AZK und Jo Conrads Bewusst(los) TV. Er ist das braune Schaf im Stall der Deutschen Mitte.

Aber auch die Partei insgesamt bietet Anknüpfungspunkte für rechte Verschwörungstheoretiker. Die Forderung nach „Friedensvertrag, Souveränität & neue[r] Verfassung!“ ist zwar an und für sich genommen nicht gleich rechts, findet sich allerdings auch bei den Reichsbürgern wieder. Sowohl Deutsche Mitte als auch Reichsbürger lassen dabei völlig außer Acht, dass die USA uns ohnehin nicht angreifen werden, da sie inzwischen unsere Verbündeten sind, oder dass das Grundgesetz bereits verfassungsgebenden Charakter hat. Die Frage nach der Souveränität hängt indes davon ab, in welcher Angelegenheit wir gegenüber wem souverän sein wollen? Den Abzug des US-Militärs fordern z.B. auch Linke, während europaweit einheitliche Standards in den Bereichen Sozialpolitik sowie Umwelt- und Verbraucherschutz durchaus sinnvoll wären.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Deutsche Mitte alles andere als Mitte ist. Sie bedient Themen von radikal links bis rechtspopulistisch. Im Gegensatz zur AfD ist sie immerhin nicht neoliberal und grenzt sich noch von der extremen Rechten ab. Darüber hinaus hat sie zumindest einige sinnvolle Forderungen, die allerdings direkt bei der LINKEN abgeschrieben wurden. DIE LINKE hat insgesamt das bessere Gesamtpaket, für welches sie auch einen sinnvollen Finanzierungsplan vorweisen kann, während die Deutsche Mitte Steuern komplett abschaffen will. Außerdem sind die linken Forderungen unmissverständlicher. So stellt sich DIE LINKE z.B. klar gegen die Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TISA, während die Deutsche Mitte diese Abkommen lediglich neu verhandeln will.

Unsere Wahlempfehlung ist natürlich eindeutig. Bei der Deutschen Mitte ist einfach zu viel Quacksalberei dabei, garniert mit einem Hauch Rechtspopulismus, den wir Hörstel noch vor ein paar Jahren nicht zugetraut hätten. Natürlich gibt es nun Menschen, die sich bei der LINKEN nicht wiederfinden und für jene wäre die Deutsche Mitte der AfD immer noch vorzuziehen. Die AfD will nämlich z.B. nicht das „Finanzkartell abschaffen“, sondern hat eine Investmentbankerin von Goldman Sachs als Spitzenkandidatin aufgestellt. Von daher warnen wir zwar davor, falsche Hoffnungen in die Deutsche Mitte zu setzen, haben aber andererseits nichts dagegen, wenn sie der AfD das Wählerpotential abgräbt.

Die AfD ist, neben den offen rechtsextremen Parteien, momentan die größte Gefahr für den Rest von Demokratie, den wir noch haben. Ihre rassistische Hetze beschleunigt den Zerfall der Gesellschaft und ihr neoliberales Programm verschärft die Schere zwischen Arm und Reich. Die Deutsche Mitte ist dagegen ein Randphänomen, welches sicherlich nicht unkritisch zu sehen, aber dennoch weit davon entfernt ist, eine Gefahr für Migranten, Andersgläubige, Andersdenkende oder Andersliebende darzustellen. Freilich kann sich das in Zukunft noch ändern, wenn die Deutsche Mitte zunehmend von Rechten unterwandert wird. Von daher appellieren wir einfach an die Vernunft von Christoph Hörstel, der einmal zu den Größen der alternativen Medien zählte.

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7 Kommentare zu “Deutsche Mitte – zwischen links und rechtsesoterisch

  1. Meine Güte, eure veralteten Ideologiekämpfe und Denkschablonen, wir schreiben das Jahr 2017, nicht 1917! Nicht das ich Hörstel trauen würde, aber so konsequent durchdachte alternative Politik bringen die Linke auch nicht auf die Reihe. Es ist übrigens nicht die AfD, die verantwortlich ist für die Stimmung im Volk, sondern Merkel und eine Generation von gehirngewaschenen, neofaschistischen „Gutmenschen“, die jedes Husten der Globalisten ausführen, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Nur der einfache Mensch merkt noch, dass da ein ganz krummes Ding läuft. Halbgebildeten wie bei euch steht diese Möglichkeit schon nicht mehr offen. Und jetzt alle: Links und Rechts und LInks und Rechts. Nicht, das das noch vergessen geht.
    Kopfschüttelnd, der Chaukee

    • Unser Hauptkritikpunkt an der DM ist der Impfgegner Tolzin. Das hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand. Außerdem verrent sich die DM in Populismus, ohne ein Konzept zu haben. Z.B. will sie in Bildung investieren, aber gleichzeitig alle Steuern abschaffen. Und wie soll dann die Bildung finanziert werden? Durch Privatinvestoren? Z.B. Banken oder Pharmakonzerne?

      Ideologisch sind wir vielleicht in der Hinsicht, dass uns die DM nicht antikapitlistisch genug ist. Sie will zwar das Finanzkartell entmachten, aber nicht den Kapitalismus überwinden. Die Banken sind für sie die Bösen, aber die Instrumente des Bösen will sie nicht abschaffen. Das ist nicht zu Ende gedacht und kann so nicht funktionieren. Dennoch haben wir – wie Du vielleicht bemerkt hast – keineswegs dazu aufgerufen, sie nicht zu wählen.

      Darüber, dass auch DIE LINKE Fehler macht, brauchen wir nicht zu streiten. Da braucht man sich nur die Entscheidungen der Länder im Bundesrat anzusehen, in denen sie mitregiert. Im Gesamtpaket ist sie aber dennoch die beste Wahl. Sie will einen höheren Mindestlohn, eine sanktionsfreie Grundsicherung und Mindestrente, Steuergerechtigkeit, Investitionen in Bildung und sozialen Wohnungsbau, eine friedliche Außenpolitik und eine nachhaltige Umweltpolitik. Die Einzigen, für die die LINKE unwählbar ist, sind egoistische Kapitalisten und rasistische Neofaschisten.

  2. Also Impfgegner sein ist erst mal nicht esoterisch und sollte erlaubt sein!
    Da Impfschäden existieren und im Fall der Fälle für den einzelnen die Statistik, dass es selten vorkommt, scheißegal ist, ist eine Impfpflicht wie früher, fragwürdig.
    Man muss halt wirklich differenzieren! Zwischen Impfungen an sich (z.B. Grippe, HPV vs. Tetanus, Polio etc.) und auch den Impfstoffen (Pandemrix war glaub ich der mit den vielen schädlichen Auswirkungen) und auch wann man mit wieviel Seren sein Kind impfen lässt (früher gab es noch keine 7fach Impfstoffe, das ist schon sehr heftig). Vergesst die Pharmalobby nicht die nur Gewinnmaximierung sieht und denen schlechte Impfstoffe (eben auch ,schlechte‘ Hilfsstoffe) egal sind.

    Auch ist die Neue Germanische Medizin inhaltlich bei weitem nicht so ein Schwachsinn wie dargestellt, da ist schon vieles Wahre dran. Schwachsinnig ist die braune Ideologie dabei und wenn auch die Methode als einziges Allheilmittel missionarisch verkauft wird.
    Aber nur weil der Typ ein Nazi ist, ist es trotzdem dumm, nur aus Prinzip auch inhaltlich dagegen zu sein.

    • Impfkritiker und Impfgegner sind zwei verschiedene paar Schuhe. Kritik, wie du sie äußerst, ist allemal angebracht. Grippeimpfungen sind z.B. für die Mehrheit überflüssig und dienen allein der Profitmaximierung. Die Symptome bekommt man sowieso und wenn man Pech hat, bricht die Grippe sogar wegen der Impfung aus. Die Impfung ist zum Glück freiwillig und selbstverständlich sollte das auch so bleiben.

      Die Polioimpfung sollte dagegen Pflicht sein, da Kinderlähmung echt übel und unheilbar ist. Wer sein Kind diesem Risiko aussetzt, handelt unverantwortlich. Mit Tetanus ist ebenfalls nicht zu spaßen. Ein rostiger Nagel kann einem Ungeimpften schnell mal einen Finger oder sogar den ganzen Arm kosten. Die Streckmittel alle 10 Jahre steckt der menschliche Körper im Zweifelsfall leichter weg.

      Was die Medizin im Allgemeinen angeht, sollte sich die Menschheit da gen Kuba orientieren. (Ist jetzt nicht politisch gemeint!) Kuba hat das beste Gesundheitssystem der Welt. Dort wurde z.B. kürzlich eine Methode entwickelt, wie die Übertragung von HIV bei Schwangeren auf das Kind verhindert werden kann, was ein wichtiger Etappensieg gegen diese Seuche ist. Außerdem basieren die meisten Medikamente in Kuba auf Pflanzen. Es ist ein positiver Nebeneffekt des Handelsembargos, dass Kuba inzwischen die fortschrittlichste Naturheilkunde besitzt.

      • Also ich muss da trotzdem nochmal ein bisschen widersprechen oder klarstellen:
        Kenne mich da schon vom fachlichen Hintergrund ein bissel aus denke ich.
        Wegen Grippeimpfungen bricht keine Grippe aus.
        Bei Polio könnte es hingegen schon sein, da das ein Lebendimpfstoff ist. Darum wird es heutzutage eben auch nicht mehr als Schluckimpfung verabreicht.
        Und ich glaube, da habt ihr mich auch missverstanden, ich bin weder gegen Polio- noch Tetanusimpfung ganz im Gegenteil!! Das sollte jeder machen lassen und auffrischen.
        Klang vielleicht auch missverständlich aber ich schrieb HPV, Grippeimpfung versus Polio, Tetanus. Also dass das eine fraglich ist das andere wichtig als Impfung!

        Auch hier gibt es viele Medikamente die auf Pflanzen basieren oder die erforscht werden.
        Ihr müsst aber dennoch zwischen Naturheilkunde und Phytopharmaka unterscheiden. Und wie sagt man so schön: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Da ist schon was dran. Auch bei pflanzlichen Arzneimitteln. Auch sind chemisch hergestellte Medis nicht per se schädlicher. Oder Pflanzen und pflanzliche Arzneistoffe, die z.B. aus Extrakten bestehen, wo der Wirkstoff eben sehr konzentriert vorliegt bzw. das Wirkstoffgemisch, nicht per se harmloser oder verträglicher.
        Das mit dem HIV muss ich mir mal näher anschauen, klingt interessant.

  3. Impfung ist nicht gleich Impfung. Insbesondere auch, wenn man den Zeitfaktor hinzu nimmt sprechen wir von tausenden verschiedenen Anwendungen. Vereinfachung hilft niemandem, das gilt für beide Seiten. Zwang geht schon mal gar nicht, wenn man sieht, wie viele überflüssige Impfungen für nicht-tödliche Krankheiten heute schon Pflicht sein sollen (in der Schweiz um die 29 Impfdosen im ersten Jahr eines Neugeborenen, wenn ich mich recht erinnere). Da muss noch eine andere Agenda dahinterstecken, und ich denke da nicht nur an Pharma-Profit. Und ja: Eltern haben die Verantwortung, und das gilt eben auch für beide Szenarien (pro und contra können schädlich sein)! Diese Verantwortung lässt sich auch nicht an den Staat delegieren, dem am allerletzten.

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