Boriska und das Märchen vom Mars

Um die Jahrtausendwende machte ein russischer Junge namens Boriska von sich reden, indem er behauptete, in einem früheren Leben ein Marsianer gewesen zu sein. Seine Schilderungen des roten Planeten waren derart detailliert, dass er viele Menschen in Erstaunen versetzte. Es dauerte nicht lange und die Internetgemeinde sah in ihm ein so genanntes „Indigokind“, also einen hochbegabten Wunderknaben. Seine Behauptungen über den Mars wurden jedoch immer abenteuerlicher und er berichtete von einer ganzen Marszivilisation, der er einst angehört haben wollte und die sich selbst mittels Atomwaffen ausgelöscht habe.

Nun ist es tatsächlich so, dass Erinnerungen an frühere Leben fast ausschließlich bei Kindern an die Oberfläche kommen und später wieder vergessen werden. Allerdings unterscheiden sich die glaubwürdigen Fälle erheblich von Boriskas Aussagen. Die von Kindern erinnerten Vorleben haben sich in der Regel auf der Erde abgespielt und sind daher nachprüfbar. Bekannte aus früheren Leben und dokumentierte Todesfälle, die den Beschreibungen der Kinder entsprechen, können zur Verifikation herangezogen werden.

Das ist bei Boriska aufgrund der Entfernung zum Mars nicht der Fall. Allerdings haben sämtliche Marsmissionen keine Hinweise auf eine blühende Marszivilisation gefunden und erst recht nicht auf eine erhöhte Radioaktivität, wie sie ein Atomkrieg hinterlassen hätte. Abgesehen von einigen Artefakten, die bestenfalls als Indizien für antike außerirdische Aktivitäten aufgeführt werden können, gibt es keinerlei Beweise für Boriskas Aussagen.

Seine überdurchschnittliche Intelligenz kann ebenfalls mitnichten als Beweis für seine außerirdische Herkunft gelten. Zwar konnte er bereits mit nur 4 Monaten erste Worte sprechen und begann mit einem Jahr zu lesen. Die bedeutet jedoch, dass er sich das Wissen über den Mars schon frühzeitig angelesen haben kann. Astronomiebücher für Kinder waren Ende der 1990er keine Neuheit mehr, sodass im Prinzip jedes Kind mit diesem Wissen hätte aufwarten können. Ebenso waren Filme wie „Mission to Mars“ aus dem Jahr 2000 und erst recht „Die Mars-Chroniken“ von 1979 noch vor Boriskas Einschulung aktuell und bei Kindern beliebt.

Der einzige Unterschied zu normalen Kids war das extrem junge Alter des am 11. Januar 1996 geborenen Russen, in welchem er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit ging. Seine hohe Intelligenz steht dementsprechend außer Zweifel. Dank dieser Intelligenz konnte er auch eine so überzeugende Lügengeschichte um seine Person stricken, die er noch heute mit über 20 Jahren vertritt. Er wusste, dass seine Behauptungen schwierig nachzuprüfen sind und sein Fachwissen über den Mars seine Glaubwürdigkeit untermauern würde.

Ein weiterer geschickter Schachzug war seine Zukunftsvision, laut der sich die Menschheit und das Leben auf der Erde verändern würden, sobald die Menschen die Tür hinter dem Ohr der Sphinx öffnen würden. Zum einen befindet sich dort lediglich eine rechteckige Gesteinsformation. Diese stellt zwar keine Tür dar, aber da die meisten Menschen niemals vor Ort nachsehen werden, könnten sich entsprechend viele Leute davon beeindrucken lassen.

Darüber hinaus verbietet die ägyptische Regierung aus Angst vor Beschädigungen seit Jahrzehnten jede genauere Untersuchung der Sphinx, weshalb Boriskas Schwindel in absehbarer Zeit nicht auffliegen wird. Seine Prophezeiung ist schlauerweise auch nicht datiert, weshalb sie sich stetig weiter in die Zukunft verschieben lässt. So wird eine reine Glaubensfrage daraus und Esoterik ist nun mal ein Glaube und keine Wissenschaft.

Zum Schluss stellt sich die Frage, warum Boriska sich etwas Derartiges ausgedacht hat? Dafür könnte es einen ganz pragmatischen Grund geben, denn Intelligenz gerät auf diesem stumpfsinnigen Planeten schnell zum Fluch. Intelligente Kinder werden von ihren Altersgenossen oft gemobbt und angefeindet. Ihr einziger Ausweg besteht darin, sich interessant zu machen. Wenn einen dann noch die Eltern in allem unterstützen und Kapital aus den Phantasien ihres hochintelligenten Kindes schlagen, wird daraus schnell ein Selbstläufer.

Unabhängig davon, was wirklich auf dem Mars vor sich geht, sind Boriskas Schilderungen reine Fantasy und teilweise sogar trotz der Distanz widerlegt. Wenn niemand auf seine Story hereinfallen würde, wäre er sicherlich schon so schlau gewesen, sich davon zu distanzieren. Sein Festhalten an den alten Kindheitsphantasien hat wohl in erster Linie einen monetären Hintergrund. Im schlimmsten Falle könnte er inzwischen aber durchaus selbst daran glauben, da in der Erinnerung die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit zuweilen verschwimmen können.

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